„… ein lange ermatteter Riese“

Kirche Kultur und Politik nach der Katastrophe | Teil [2]

Ehemalige Westfalenhütte, Dortmund |

Was RUHR.2010 den „Metropolenblick“ genannt hat, ist blind geworden gegen das, was vor Augen steht. Zugangsrampen passen nicht zum Weltraum und Tunnel nicht zum Weltraumblick. Heute, zwölf Tage nach der Katastrophe von Duisburg, ist auch die WAZ herabgestiegen, sie spricht vom „Tanz ums Metropolen-Kalb“ und hat im Ruhrgebiet gleich „einen gewissen Kleinstadt-Charme“ entdeckt. Ist das Umdenken oder Irrlichtern? Für eine Kleinstadt haben entschieden zu viele um dieses Kalb getanzt, auch Leute der Kirche. Es gibt eine kulturpolitische Verantwortung für die Katastrophe, um sie geht es hier.

“Das Kulturhauptstadtkreuz hat seine Reise durch die Metropole Ruhr angetreten”,

ist auf evangelisch2010.de zulesen, der Seite des Evangelischen Kulturbüros:

“Was bleibt, ist Zukunft”.

Unser Kulturbüro selber hat keine, seine Funktion wird mit dem Kulturhauptstadtjahr als überflüssig beendet. Begonnen hatte sie 2008 u.a. mit einem “Impulspapier”, das dann  –  nach zäher Diskussion  –  eher wirkungslos geblieben ist, hier aber länger zitiert wird, weil es den Metropolen-Irrsinn bezeugt, dem damals das Denken erlag:

„Strategien einer kreativen Ökonomie zählen in gleicher Weise zum kulturellen Handeln wie die Förderung der Kunst und das Bewahren des Erbes der Geschichte. Die ‚neuen Bilder‘, die um die Welt gehen sollen, um das bisher von Stahl und Kohle geprägte Bild des Ruhrgebietes in den Köpfen der Menschen zu ersetzen, verlangen vielmehr nach einer auf touristische Gesichtspunkte konzentrierten Strategie der Vermarktung, wie es sie für einen ehemaligen Industriestandort in Europa so noch nicht gegeben haben dürfte.

In diesem Zusammenhang wird verständlich, dass die Ausmaße der neuen ‚Metropole RUHR‘ notwendig über die Konzeption der bisherigen Kulturhauptstädte hinausgehen und einzigartige Dimensionen erreichen müssen.

Denn es erwacht im Herzen Europas ein lange Zeit ermatteter Riese, der politisch wie auch wirtschaftlich und kulturell erstarkt, zu neuer Kraft zurückfindet. Die RUHR.2010 GmbH hat es sich – überspitzt gesagt – zur Aufgabe gemacht, diesem Riesen seinen Namen zu geben und ihn bei seinen ersten Gehversuchen an der Hand zu führen.

(…) in der Konsequenz wird auch von den Kirchen erwartet, dass sie sich mit ihrem Engagement in diese Programmatik einfügen.

Damit ist nicht nur ein Hineindenken in die (…) Intentionen der Metropole RUHR verlangt. Es wird vielmehr auch eine Nagelprobe an die Kirchen herangetragen, die darin besteht, sich im allgemeinen Wandel selbst aufzumachen und in die neue ‚virtuell‘ bereits existierende Metropole einzuziehen.

Dieser ‚Umzug‘ in den neuen Bezugsrahmen der ‚kreativen Ökonomie‘ verlangt nach der Bereitschaft, sich als Partner, der sich nah an der Seite der Menschen weiß,  – wenn auch kritisch -, mit den Zielen der Metropole RUHR zu identifizieren. Im Gegenzug ist zu erwarten, dass die ‚alten‘ Kirchen Teil der ‚neuen Bilder‘ sein werden, die um die Welt gehen sollen.“

Zu neuer Kraft zurück? Wie gesagt, das ist nicht die Position, die dann  –  nach zäher Diskussion  –   bezogen wurde, aber eben jenes Pathos, dass einem die Metropolen klingeln. Es hallt einem nach, und in den Publikationen des Evang. Kulturbüros finden sich noch heute “Metropolen” in allen Varianten, als “aufstrebende” und “heranwachsende” und “sich herausbildende”, da geht es um einen “Modellfall für” und “Identifikation mit der Metropole” usw., es ist atemlos. Ich höre Geschrei wie beim Tanz, sagte Mose, als er vom Berg Sinai stieg.

Immerhin hat die Kulturarbeit der Evang. Kirche noch halbwegs die Kurve gekriegt und ist abgebogen vom Pfad des Glaubens, der zur Metropole führe. Anders die Leitmedien WAZ und WDR, sie werden nun mit sich selber konfrontiert und damit, dass sie keinerlei Selbstkritik zeigten bisher.

Was ja noch kommen kann, eine Stimme kommt aus der Essener Redaktion, und vor allem die RUHRBARONE führen mit ihren Lesern eine eindrückliche Diskussion, so heftig wie hilfreich. Das ist sie, weil still vorausgesetzt wird, dass die Kultur weder “Spiel” sei noch “Vermarktung”, weder beliebig noch belanglos, sondern etwas, bei dem es ums Leben geht oder den Tod.  Karl Richter 1988:

„Kulturpolitik hat die vordringliche Aufgabe, die humanen Widerstandskräfte im Menschen gegen alles Lebensvernichtende zu entfalten.“

Vielleicht wird solche Diskussion es sein, die einlöst, was die Kulturhauptstadt einmal versprochen hat, nämlich dass ihre Kultur zum Bleiben verführe.