Erinnerungskultur?

Kirche Kultur und Politik nach der Katastrophe | Teil [4]

Marcus Kiel: Ausstellung „aussichten 2005 – 1945“ (c)

Eigentlich hat man inzwischen gelernt, die Jahre ’33 bis ’45 irgendwie einzubauen in seinen Narrativ, und sei er noch so konstruiert. Ein blinder Fleck macht sich nicht gut in einer Gesellschaft, in der die Bewerbungsphase ein Dauerzustand ist für alle. Am ehesten sieht man ihn noch, wo man sich eh einen Reim machen kann, bei Unternehmen aus der Rüstungsbranche etwa. Und allerdings auch in der Bewerbung, mit der das Ruhrgebiet zur europäischen Kulturhauptstadt geworden ist. Es gibt eine politische Verantwortung für die Katastrophe von Duisburg und eine kulturpolitische, es ist unsere, um sie geht es hier.

Im Juli 2003 erschienen die “Ideen und Skizzen zur Bewerbung”, die Grundlage für RUHR.2010, und ich bleibe dabei, dass sie sich gut lesen. Dass die Idee gut war, es nicht mehr ist, aber noch werden könnte, auch nach 2010. Wenn nur das Behaupten ein Ende nähme. Es ist ja nett, hat aber keinen Sinn, von einer “Seelenruhr” zu schwelgen, wie Grönemeyer tut, und zu behaupten, dass hier “Woher kein Thema ist”, das ist Kitsch. Oder Matthias Hartmann, Ex-Schauspielhaus-Intendant:

“Im Ruhrgebiet gibt es keinen Fremdenhass. Denn fast alle kommen aus der Fremde.”

So einfach kann Theater sein, so fremd und falsch. Nur steht es so bereits im Skizzenbuch, so hatte ich es überlesen:

“Das Ruhrgebiet, ein Europa im Kleinen, weil durch Einwanderung aus allen europäischen Ländern geprägt, hat in seiner Geschichte besondere Erfahrungen und Kompetenzen sammeln können, die für den langen Weg der europäischen Integration unverzichtbar sind.”

heißt es über die “STADT DER KULTUREN”. Folgt eine kurze Darstellung der Migrationsgeschichte, sie endet so:

“Die sozialen Begabungen, die sich als Ergebnis des Lernprozesses herausgebildet haben, den die Region als permanente Einwanderungsregion durchlaufen hat, sind Toleranz, Gelassenheit und die ruhrgebietsspezifische Fähigkeit, vermeintlich Unvereinbares zu vereinbaren.”

Die Fähigkeit, als permanente Einwanderungsregion zur Volksgemeinschaft zu werden und dann wieder zur Einwanderungsregion, ist mit der unvereinbaren Vereinbarung nicht gemeint. Und nicht erwähnt Zehntausende von Zwangsarbeitern, die hier Europa im Kleinen waren, sehr wohl dagegen jener

“Einwanderungsschub, der vor allem von Flüchtlingen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten getragen wurde. Seit Mitte der fünfziger Jahre  –

der Abschnitt geht ungebrochen weiter

„Seit Mitte der fünfziger wurden dann gezielt die ‘Gastarbeiter’ angeworben, von denen viele auf Dauer im Ruhrgebiet blieben.”

Ja, es war ein Skizzenbuch, mehr nicht, und es macht keineswegs den Eindruck, als sei es darauf angelegt, die böse Zeit mit gutem Vorsatz auszusparen. Eher wirkt es so, als würde eine Verlinkung klemmen, die den einen Narrativ mit dem anderen Narrativ verbindet, weshalb nun alle davon ausgehen müssten, die Menschen seien ’33 ein- und ’45 wieder ausgewechselt worden.

Die Nazis als B-Team des Ruhrgebiets, das mit Europa und Vielfalt war vorher und danach: Als Spielbericht ist das so naiv wie die “Historie”, die der Bochumer Verein hier nebenan erzählt: Auf dessen Website folgt dem Eintrag “1933: Neugründung” unmittelbar das nächste Kapitel “Die Nachkriegszeit”. Die aber begann nicht mit dem Ende des Krieges, sondern dem Ende der Kriegsproduktion

“1944: Vernichtender Bombenangriff auf das Werk: Hochöfen, Stahlwerke und gesamte Weiterverarbeitung kommen fast vollständig zum Erliegen.”

Zum Erliegen gekommen ist damals auch die Zwangsarbeit, weil Zwangsarbeiter nicht in Luftschutzbunker durften, die sie selber bauen mussten. Eine dieser unfassbaren Wahrheiten, die zum Ruhrgebiet gehören, unter- wie übertage. Dazu gehören auch die Erzählungen, in denen sich die, die damals Kinder waren, an die erinnern, die Zwangsarbeiter waren:

“Im Zweiten Weltkrieg  –  ich war gerade 9 Jahre alt  –  lebte meine Familie in Bochum. Mein Vater hatte einen kriegswichtigen Beruf unter Tage im Kohlebergbau. Zur Erhöhung der Arbeitsproduktivität bekam er sehr bald einen Zwangsarbeiter. Zuerst waren es Italiener, dann folgten Russen. Wenn er zur Morgenschicht ging, nahm ich ein erstes Frühstück mit ihm zusammen in der Küche ein. Da hörte ich, wie er eines Morgens zur Mutter sagte: ‘Hast du mal wieder Chleb für meinen Russen?’ Chleb – Brot, mein erstes Wort in einer fremden Sprache.”

So etwa Marlene Hugo in Heide Riecks „Doch seht wir leben“. Es gibt viele solcher Erzählungen, sie sind wahr oder zumindest wahr geworden. Es gab Menschen, die haben ihr Leben riskiert, um anderen ein Stück Brot zuzustecken, bevor wieder andere den Zugang zum Luftschutzkeller versperrten. Es schlug ein Herz, es schlug nicht, ist das vereinbar miteinander? Gibt es, wie behauptet,

“die ruhrgebietsspezifische Fähigkeit, vermeintlich Unvereinbares zu vereinbaren”?

Nicht im Programm von RUHR.2010. Vereinzelte Projekte  –  lokale wie die Initiative Bewahren durch Beleben; alltagskulturelle wie Das Fremde und das Eigene; hier und da ein TWINS-Projekt; hier bei uns der Platz des europäischen Versprechens oder der Tag der Befreiung –  aber kein Konzept für eine gemeinsame Erinnerungskultur. Während in eben den Jahren, in denen RUHR.2010 geplant wurde, sich die Begriffe Kultur und Europa und Erinnerung zum Thema verdichtet hatten:

“Nach wie vor kommt dem Zweiten Weltkrieg bzw. der deutschen Besatzung in den meisten europäischen Ländern eine herausragende Bedeutung zu, wenn es darum geht, die eigenen Identität und den daran gebundenen Wertekonsens zu bestimmen.”

schrieb etwa Harald Welzer 2007 in „Krieg der Erinnerung“. Für Einwanderungsgesellschaften sei es lebenswichtig, eine “transnationale Erinnerungskultur” zu entwickeln  –  und überlebenswichtig für die, auf die sich aller Hass konzentriert, “die” Juden. Antisemitische Deutungsmuster, so Welzer, seien de facto der “gemeinsame Nenner einer europäischen Erinnerung”. Sie würden aktuell “vor allem dann, wenn es um Vergleiche mit der Gegenwart geht”. Darum hat Oliver Scheytt recht:

“Wir wollen deutlich machen, dass der europäische Einigungsprozess ein europäisches Geschichtsbewusstsein voraussetzt. Gerade Deutschland trifft in dieser Frage eine historische Verantwortung.”

Das sagte er als Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft im Mai 2009  –  bei RUHR.2010 findet sich das nicht wieder. Die Orte sind da, die Initiativen, Einrichtungen wie KWI und Bibliothek des Ruhrgebiets, noch sind auch Zeitzeugen da, ein europäisches Jahr, europäisches Interesse, ein europäisches Thema, aber die europäische Erinnerungskultur ist keines.

Stattdessen wird ein “Mythos”  erzählt mit einem blinden und tausendjährigen Fleck. Aber selbst hier wieder der Eindruck, als würde eine Verlinkung klemmen, und ich finde, es wäre gut zu wissen, woran das liegt. Ein Hinweis stammt von Norbert Sievers, dem Geschäftsführer der Kulturpolitischen Gesellschaft:

“Ich sehe die Gefahr, dass sich die Grenzen zwischen kulturpolitischem Auftrag und kulturwirtschaftlichem Engagement verwischen. Wenn öffentliche Einrichtungen sich zu sehr an den Angeboten kommerziell arbeitender Anbieter orientieren, tendieren sie zu schnell dazu, auch deren Arbeitsweisen und Logiken zu übernehmen. (…) Öffentliche Institutionen haben auch Aufgaben wie Bildung, Aufklärung, wissenschaftliche Aufarbeitung oder die Bewahrung des kulturellen Erbes wahrzunehmen. Das öffentliche Angebot muss sich erkennbar von der privatwirtschaftlichen Konkurrenz unterscheiden. Auf diese Differenz muss die Kulturpolitik bestehen, wenn sie sich nicht überflüssig machen will.”

Das sagte er nicht über das, was in Duisburg passiert ist, sondern ein Jahr vor der Katastrophe über das “kulturelle Gedächtnis”. Es stiftet einen Zusammenhang: Erinnerung ist weder Mythos noch Wirtschaftsförderung, sondern das, was niemand haben will, Verantwortung.