Das Reisen und der Krieg

Tag des offenen Denkmals

August Mackes, Kandern IV, Aquarell 1914

Frankreich, Griechenland, Italien? Es liest sich wie die Auslage im Reisebüro. Nur dass all die schönen Reiseländer „Feindstaaten“ waren. Ob es ein Zufall war, dass der Krieg im August begann auf dem Höhepunkt der Reisesaison?

Die nämlich gab es auch vor 96 Jahren schon: Das Eisenbahnnetz war ausgebaut, die Zahl der Reisenden immens gestiegen, und 1914 lag  –  dem D-Zug sei Dank –  das durchschnittliche Reisetempo bei flotten 90 km/h. Wohin nur mit der Reiselust?

Das fragte sich auch der “Bund Deutscher Verkehrsvereine”, Vorläufer des Deutschen Tourismusverbandes. Gegründet worden war der Bund, um das Reisen von Deutschen in Deutschland zu fördern, musste dann aber einen “zunehmenden Hang der Deutschen zu Auslandsreisen” registrieren, so die adrette Formulierung des Nachfolgeverbandes. Man habe daher an “die ‘nationale Pflicht’ der Deutschen” appellieren müssen:

„Deutsche, reiset in Deutschland!“

Erhört wurde dieser Appell, nachdem der Krieg begonnen hatte. Der Schriftsteller Theodor Wolff notierte im Juli 1916  –  da waren allein vor Verdun bereits 700 000 Europäer gefallen:

„Während rundherum die Hölle tobt, fahren die Familien und alle, die es ermöglichen können, ferienfroh zum Sommeridyll (…) Noch nie schien die Reiselust so heftig, noch nie waren die Hotels so überfüllt. (…)  Man ahnt die Zahl der zerschlagenen Existenzen, der still weinenden Frauen, der Mütter mit unsagbar verarmten Herzen, aber die Theater machen glänzende Geschäfte (…) und die Kurkapellen spielen vor einer dichten Hörerschaft das Volkslied des Krieges, das Lied von der Heimat und dem Wiedersehen.“

Das Reisen und der Krieg: so gegensätzlich wie gleichzeitig. Wolff beschreibt sie als zwei Züge, wie sie sich damals “auf allen Bahnhöfen im Lande” begegneten:

„die Züge mit den Ferienfahrern, mit Badegepäck, hellen Kleidern und lachender Jugendfreude den langen Zügen, in denen eine endlose Armee frischer, starker, schutzbereiter Männer und Jünglinge nach Osten und Westen fuhr. Grüße wurden getauscht, Rufe und Wünsche (…) dann rollten die einen und die anderen ihrer Bestimmung zu.“

Einer von denen, die ihrer Bestimmung entgegen rollten, war Ludwig Brüggestrat, ein 21-jähriger Bochumer, der  –  bedingt begeistert  –  in einen Zug geriet, der über Belgien nach Frankreich fuhr. Später, im März 1917, berichtete er seinen Eltern aus dem französischen Laon:

“Wie die Vandalen haben wir gehaust. Was zu zerstören war, haben wir vernichtet. Sämtliche Ortschaften sind zuerst gesprengt, dann angezündet worden.”

Und sein jüngerer Bruder Walter, ebenfalls nach Nordfrankreich verbracht, schrieb gegen Ende des Krieges nach Bochum:

“Wie können wir Deutschen doch Gott danken, dass dieser Krieg nicht im eigenen Lande tobt.”

Walter überlebte den Krieg, er erlag seinen Kriegsverletzungen vier Jahre später. Ludwig Brüggestrat starb im Februar 1918 an dem, was man den Heldentod hieß. Sein Name wird  im Turm der Christuskirche neben den Namen der Feindstaaten erinnert.


>> Am Tag des offenen Denkmals ist die Christuskirche von 11 – 18 h geöffnet

>> Ausstellung mit Postkarten und Briefen aus der Zeit des Ersten Weltkrieges

>> Führungen mit Vorstellung des PLATZ DES EUROPÄISCHEN VERSPRECHENS um 13 Uhr , 15 Uhr und 17 Uhr