“Konzerthaus und kein Ende”

“Wir müssen in Zukunft völlig neu denken, was das Konzert sein könnte.” Sagte Gerard Mortier.

BoSy und Christuskirche | 8c) thw

In der WAZ berichtet Jürgen Böbers-Süßmann über “die gescheiterte Symphonie” und “verpasste Chancen”. Zu denen gehört auch, verpasst zu werden, bevor sie eröffnet worden sind. Die Chance, um die es jetzt geht, läge darin, vom Konzert her zu denken statt vom Konzerthaus zu reden.

Möglich ist das, weil es im Ruhrgebiet von einem genügend gibt, und das ist Raum. Und “Wolkenschieberei”, da hat Böbers-Süßmann recht, gibt es auch genügend, weswegen wir von wirklichen Räumen reden. Hier der Gedankengang  –  über den heute wiederum die RUHRNACHRICHTEN berichten –  noch einmal:

Ohne Konzerthaus, heißt es, stehe die Existenz der Symphoniker auf dem Spiel. Wenn das so ist und die große Lösung – alles unter ein Konzerthaus-Dach – nicht kommt, dann bleibt als Ausweg nur, verschiedene Funktionen unter verschiedene Dächer zu bringen.

Und eben dies  –  das ist der eine Teil der Chance  –  entspräche der jüngeren Entwicklung im Konzertwesen selber: Es geht immer weniger darum, akustisch reine Räume zu schaffen, sondern ästhetisch-soziale Orte. Es geht nicht länger nur darum, Musik zu hören, sondern sie zu erleben. Es geht um den Stil, den ein Genre ausbildet, und jene feinen Unterschiede, die man nicht hören kann, aber erleben, es geht um Sinnlichkeit und Sinn. Bei Martin Tröndle, der die akute Krise klassischer Musik als Krise ihrer Aufführung begreift, ist die Akustik des Raumes einer von neun Faktoren, die dazu beitragen, dass eine Aus- zur Aufführungskultur wird. Präzises Zitat von Gerard Mortier:

“Wir müssen in Zukunft völlig neu denken, was das Konzert sein könnte.”

Nicht wo, sondern was. Wer so fragt, sieht Räume anders. Nicht als Behälter, sondern als Form, die hält, was die Musik verspricht.  Welche Räume gibt es in der Stadt, die das Potential haben, zu ästhetisch-sozialen Orten für klassische Musik entwickelt zu werden? An dieser Stelle kommen  –  nicht nur, aber auch nicht zuletzt  –  die Kirchenräume ins Spiel und keineswegs nur die Christuskirche. An ihr aber lässt sich das Potential zeigen, das darin steckt, vom Konzert her zu denken:

Als Raum bringt diese Kirche eine hervorragende Akustik mit, könnte “mit relativ überschaubarem Aufwand”  –  so das Akustik-Gutachten 2009  –  zum “vollwertigen Konzertsaal” entwickelt werden, liegt zentral, bietet epochale Architektur, steckt voller Stadtgeschichte undsoweiter, das möchte an dieser Stelle genügen, weil das hier kein Bewerbungsschreiben ist: Die Christuskirche wird gut bespielt und die Melanchthonkirche ebenfalls. Beide Kirchen aber zeigen, dass es sich lohnen könnte zu fragen, welche Räume es gibt in der Stadt, die – in der prekären Situation, in der die Symphoniker stecken – zu einem Ensemble von akustisch hochwertigen und sozial verdichteten Konzerträumen entwickelt werden können.

Vom Konzert her zu denken anstatt vom Konzerthaus, das bedeutet: Wenn es kein Konzerthaus gibt, müssen Konzerträume werden. Räume, die nicht nur genutzt, sondern entwickelt würden. Umbau mehrerer Räume statt Neubau eines einzigen Hauses, ist das “Wolkenschieberei”?

Wenn nicht, dann ist es in der Tat so, dass Kirchen zu den interessanteren Räumen in dieser Stadt gehören und zu den Bauwerken, die räumlich und soziale Zentren bilden. Kultur + Stadtentwicklung, das ist der Kern der Idee für die Kulturhauptstadt. Es ist kein Kalauer, wenn man sagt, in Kreativ-Vierteln zu denken, ist nur ein Viertel kreativ. Ein Viertel ist keine Stadt.

Und das ist zugleich die Antwort auf das Argument, eine Kirche sei zu klein für die symphonische Besetzung. Von symphonischen Konzerten in der Christuskirche war nie die Rede. Symphonische Konzerte geben die Symphoniker etwa ein gutes Dutzend pro Jahr: Mehr müsste eine Kooperation innerhalb der Stadt, die eine Kulturhauptstadt ist, nicht umfassen.

[Ein P.S. noch zur WAZ: Natürlich finden in der Christuskirche weiterhin Gottesdienste statt so, wie es Redaktionssitzungen in Redaktionen gibt und Ratssitzungen in Rathäusern. Nur sind es hier keine regelmäßigen Gottesdienste am Sonntagmorgen, sondern besondere Gottesdienstformen. Und eben besondere Konzerte.]