Le Grand Bourdon

oveller – Aidan Baker – unFact

Sarah Lipstate (c)

Eine Gitarre, ein Verstärker. Es klingt, als würde die Gitarre einen Raum skizzieren und erste Linien ziehen. Noch keine Strukturen, eher ein vage  umrissenes Fundament, auf dem sich nach und nach die erste Wand aufbaut, die zweite, ein Klangraum entsteht.

Keine Ahnung, warum sie es Klanglandschaft nennen, es sind ganze Städte, die eine einzelne Gitarre aufschichtet. Drone Doom heißt das Genre, es ist ein sehr eigenes, sehr untergründiges.

Der Begriff stammt vom franz. Bourdon und bedeutet Grundton: Le Grand Bourdonheißt die Totenglocke im Straßburger Münster.

Verzerrter Gitarrensound, oft übersteuert, kaum rhythmische Wechsel und dazu Klänge, die wie Wände im Raum stehen. Zwischen den Wänden schweifen Effekte umher und einzelne Töne, die sich bewegen, als seien sie aus einer Melodie herausgebrochen, die es vor langer Zeit mal gab: Drone Doom hat mit dem, was man gemeinhin als Musik bezeichnet, nur wenig gemein. Nichts mit Metal und schon gar nichts mit Hardrock, da ist keinerlei Marktförmigkeit, keine Dauerfröhlichkeit. Wenn schon Vergleiche, dann eher mit John Cage, wenn man sich fragt, was wohl passiert wäre, hätte man ihn mal mit einem E-Bass für wenige Wochen eingesperrt.

Alle Musik ist veredelter Schmerz, verfeinerter Schrei, Auflehnung gegen den Tod. Die Totenglocke, Le Grand Bourdon, ist aber nun mal nichts, was man gerne hört, wenn man shoppen gehen will. Hörgewohnheiten nützen da nichts, diese Musik ist – wie die ganze Szene – untergründiger. Drone ist Musik vor der Musik, sie versüßt nichts, sie verzerrt. Sie vereint nicht, sondern vereinzelt, sie lässt einen Ton unnennbar langsam durch weite Klangleeren gehen, dem man ebenso langsam folgt, bis einem dämmert, dass man nicht abgekommen ist vom Weg, aber die Wege andere sind. Diese Art, Klangräume zu bauen, hat etwas von Vanitas in sich, ohne dass sie mit religiöser Symbolik spielen würde: Sie konzentriert sich darauf, dass Rückwege versperrt sind und alles zuläuft auf ein Ende hin, das niemand kennt.

Wer bereit ist, das darin zu hören – und das ist nicht leicht, Drone Doom ist eine fast kreatürliche Musik, sie ist von bedrängender Körperlichkeit –  den kann sie lehren zu bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden zum Leben. Was eben der Grund ist für dieses Konzert in dieser Woche, die auf den Totensonntag zugeht und nicht auf den Weihnachtsmarkt.


>> Infos über Noveller, Aidan Baker und unFact bei ThePostRock.de, mit denen zusammen wir den Abend veranstalten.