Die abgründige Schönheit der Klage

Singer Pur & David Orlowsky

David Orlowsky und Singer Pur: “Jeremiah” | (c) sony classical

Von weit her eine Stimme, es ist die einer Klarinette, die sich wie eine menschliche zu dem Vokalensemble fügt:

David Orlowsky –  keine 30 Jahre alt und bereits mit dem wichtigsten Musikpreis, dem ECHO Klassik ausgezeichnet  –  kommt vom Klezmer, der jüdischen Musik, in der das Instrument schon immer wie eine Stimme behandelt worden ist: Das Wort klezmer bedeutet soviel wie Instrument des Gesangs.

Während a capella bedeutet, dass menschliche Stimmen Instrumente ersetzen. In dieser Kunst wurden Singer Pur bereits mit zwei ECHO-Klassik ausgezeichnet: Die Sechs gelten als “derzeit führendes deutschsprachiges Vokalensemble”, ihr Reichtum an Stimmfarben sei “über Jahre zur Vollendung gereift”.

Aus dem einsamen Gesang der Klarinette entfalten Singer Pur mit zarter Sinnlichkeit die Klagelieder, in denen Giovanni Palestrina  vor 450 Jahren Texte des Propheten Jeremiah vertont hat. Und dann eine Madrigale von Carlo Gesualdo (1566 – 1613), in der Orlowskys Klarinette eine siebte Gesangslinie übernimmt. Die wiederum hat Matan Porat (*1982) geschrieben, der israelische Komponist: Im Klang dieser Klarinette schwebt die Klage des Klezmer mit.

Sie fließt ein in die Musik der Renaissance, aber sie übermalt sie nicht. Kein freier Flug der Improvisation  –  wie es Jan Gabarek und das Hilliard-Ensemble tun, das eng mit Singer Pur verbunden ist  –  sondern ein sublimes Einfühlen, leise und warm und anrührend.

Ein schwebender Gesang und eine Melancholie, die melodisch dem Orient zugehört, wo die Klagelieder vor 2600 Jahren entstanden sind: “Du hast dich mit einer Wolke verdeckt, dass kein Gebet hindurch konnte.” Jeremiah hat die Zerstörung Jerusalems beweint und die Vertreibung aus dem Land, das Exil. Seine Gebete, im Angesicht der größten Not entstanden, kommen ohne göttlichen Rückhalt aus: Rückhaltlos subjektiv rufen sie zu Gott und abgründig schön.

Und so hört man und versteht, dass es ein jüdischer Text ist, den Palestrina vertont hat, der Katholik, und dass sich dies am protestantischen Tag, demBuß- und Bettag verdichtet: Dem Tag, der eben seit der Zeit begangen wird, als Palestrina komponiert hat, aber noch weit dahinter zurückgeht auf Jom Kippur, den jüdischen Versöhnungstag.

Dem Tag, der kürzlich erst gestrichen wurde für etwas, das sich “Arbeitgeberanteil an der Pflegeversicherung” nennt. Als hätte die Buße, die Selbstbesinnung, keinen Sinn mehr da, wo man Versicherungen pflegt. Aber die Klage und das Bußgebet, mit dem man sich selber reflektiert, haben ihre Zeit und ihren Ort. Sie haben Sinn und eine Schönheit, die so unergründlich ist wie man selbst.

>> Buß- und Bettag, 17. November, 20 Uhr
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20 EUR, halber Preis bis 25 Jahre | nrw-ticket.de und an der Abendkasse