“Wir brauchen eine Triennale kirchlicher Kultur”

Interview mit Sonntagszeitung über Erfolg und Misserfolg von RUHR.2010

UNSERE KIRCHE: Ein Jahr lang war das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt Europas. “2010 profiliert dabei sein”, hatte das eigens eingerichtete Evang. Kulturbüro ausgegeben, “2011 besser dastehen als heute”. Ziel erreicht?

Zumindest stehen wir nicht schlechter da, das ist ja auch schon was in diesen Zeiten. Es ging bei RUHR.2010 aber nicht ums Dastehen oder Darstellen, sondern um Kultur als Motor einer Stadtentwicklung. Jede Bilanz jetzt ist Zwischenbilanz oder sinnlos.

Wie fällt Ihre aus?

Sie fällt vor allem schwer. Das kirchliche Programm war genau wie die “Loveparade” Teil einer Kulturhauptstadt, die 21 Tote gefordert hat. Wären die 21 bei einem Kirchenkonzert ums Leben gekommen, ob ein großes kirchliches Medium dann auch getitelt hätte: “Ruhr.2010: Voller Erfolg trotz Schattens von Duisburg”? Dieser verbissen fröhliche Ton, der ist trostlos.

Fritz Pleitgen, Geschäftsführer der Ruhr2010-GmbH, wollte das Image des Ruhrgebiets mit “frischen Bildern” aufpolieren. Könnte das der Kirche denn nicht auch gut tun?

Es täte uns gut, dem Bilderglauben zu misstrauen.

Das hat protestantische Tradition …

… die dazu einlädt, unsere Kulturarbeit von anderen zu unterscheiden. Kultur ist kein Lückenfüller, um Kirchenräume zu bespielen, die man aufgegeben hat. Es macht einen Unterschied, ob man Kirche und Kulturen ästhetisch vermittelt oder etwas betreibt, das sich “Kulturtankstelle” nennt.

Was wäre protestantische Kultur?

Es wäre die ständige Frage nach ihr. Präses Buß spricht von einer “kulturellen Vergewisserung”, und es wird entscheidend sein, dies als öffentlichen Prozess zu begreifen. Es geht darum, öffentliche Räume zu schaffen für das, was die Leute sagen, wer Gott sei und wie und ob überhaupt, es geht um das Verhältnis von Religion und Demokratie. Wir stehen auf unseren Kanzeln wie Paulus auf dem Marktplatz in Athen.

Hat RUHR.2010 diese öffentliche Rolle der evangelischen Kirche gestärkt?

Nun, es wurden Einsichten gewonnen: Dass es darauf ankommt, tragfähige Strukturen für kirchliche Kulturarbeit zu entwickeln. Dass eigene Kommunikationsstrukturen entstehen müssen, unabhängig von hiesigen Leitmedien, und eine eigene Finanzierungsstruktur. Dass wir kulturpolitisch wesentlich stärker werden müssen. Und dass dies alles nichts wird, wenn man nicht diejenigen beteiligt, die Kulturarbeit im Ruhrgebiet tatsächlich machen.

Klingt nach vielen Gremien und Sitzungen, oder?

Nein, klingt nach Unterbau. Es war einfach falsch, für 2010 kein Projekt-Büro einzurichten und Netzwerk-Projekte zu organisieren, dann hätten wir jetzt die Anfänge einer Struktur. Ein Projekt wie KIRCHE DER KULTUREN oder BABEL bedeutet: 5 Kirchen, 5 Gremien, 5 Kirchenkreise mit 5 Kreiskirchenämtern, 5 Städte mit 5 Kulturverwaltungen, 5 WAZ-Redaktionen, 5 Sponsoren-Pools usw. Es geht um Stadtentwicklung, und wenn uns das auf dieser Ebene nicht gelingt, dann auf gar keiner.

Die Städte im Ruhrgebiet werden weiterhin Mittel für gemeinsame Kulturarbeit zur Verfügung stellen, das Land will sich beteiligen. Die Landeskirche schreibt jetzt in ihrer Bilanz, dass “Ansätze zu einer gemeinsamen Kulturarbeit auszubauen und zu fördern” seien.

Mein Vorschlag: Dass wir uns zusammen setzen und etwas vornehmen, das ruhrstadtweite Relevanz besitzt. So etwas wie eine TRIENNALE KIRCHLICHER KULTUR , etwas, das ihr Potential  –  als Produzent, als Auftraggeber, als Veranstalter, als Raum  –  alle drei Jahre bündelt. Jeweils mit einem Thema, einem Kuratorium und einer einzigen Bedingung, hohe künstlerische Qualität.

Eine Eliteveranstaltung?

Qualität ist das Gegenteil von elitär, das wissen wir seit Luther.