Jewish Drinking Songs

Geoff Berner | urban urtyp #8

“Jewish Drinking Songs”: Geoff Berner mit anarchistischem Akkordeon

Wie soll man das nennen, was der Kanadier macht? nuklezmer? urban klezmer? Irgendwas zwischen Tom Waits, Woody Allen und Punk? Er selber sagt,

“I want to make original klezmer music that’s drunk and dirty, political and passionate.”

Und so ist das auch, was er macht, er und sein anarchistisches Akkordeon, dazu die kaltschnäuzige Geige und eine prunklose Percussion, es ist “klezmer punk folk dance music”. Oder was auch immer, Berner bringt den Klezmer dahin, dass man nicht mehr weiß, wohin das gehört, was man hört. Aber indem er die Klezmer-Musik erneuert, geht er  einen äußerst traditionellen Weg, er bringt sie dahin zurück, wo sie hergekommen ist, auf die Straßen dieser Welt und an ihre Tresen. “Kicking klezmer back into the bars”, das ist bissig, wie er das macht, es ist witzig und politisch und dermaßen jüdisch, dass dieses Konzert Teil der Jüdischen Kulturtage ist.

Akkordeon zu spielen hat Berner vor allem deshalb gelernt, weil kaum jemand bei ihm in Vancouver das Akkordeon mochte:

“Der Punkrocker in mir schloss daraus: Wenn es die meisten Leute nicht mögen, dann ist es bestimmt eine gute Idee.

Damit behielt er recht und ebenso damit, dass das Klezmer-Revival der 90er zwar die Konzertsäle gefüllt, der Musik aber die Wirklichkeit ausgetrieben hat. Klezmer, sagt Berner, war eigentlich immer die Musik von Leuten, die ein Akkordeon besaßen und eben kein Klavier. War die Musik von Leuten, die in der Eckkneipe saßen und nicht im Konzertsaal. Von Leuten, die von nichts zu viel hatten außer von ihrer Lust am Spott und der Leidenschaft, diesen Spott zu treiben.

Davon erzählt Berner, auch in seinem neuen Programm “Victory Party” erzählt er davon und spielt sich durch seine Klezmer-Songs wie durch den eigenen Tresen-Talk. Es geht um den Job und um die Liebe, so wie es eben noch um rumänische Krankenhäuser ging oder die göttliche Vorsehung, um komplizierte Fragen, die entstehen, falls man eine “half german girlfriend” hat und dann wie immer um das Problem an sich, es ist das größte von allen, die Langeweile: “What made Mohammed Atta wanna visit New York?”

“Boredom is the true enemy”

sagt Berner und schlägt vor, einfach allen langweiligen Kram zu meiden, als da wären “songs about angels and the rain” oder “a Starbucks” oder etwas derart Ödes wie eine

“melodic pop punk guitar band”.

Was ja nun wirklich nicht von der Hand zu weisen ist, Langeweile ist immer melodisch, das wusste schon Billy Bragg, der große Stücke auf Geoff Berner hält (“Cherish him, cherish him, for there really is no one like him. Fantastic.”). Die Frage ist nur, wieso gibt es solche langweiligen Poppunkguitarbands überhaupt? Und Berner antwortet und singt:

“Well, the fact is that God made the world to entertain himself  /  And to keep things interesting, he took a little Evil off the shelf.”

Berners Very Intelligent Design der Schöpfungsgeschichte. Der Mann ist kein Poppunk, er ist ein weiser Punk, er weiß, dass es ohne Evil keinen Witz und ohne Haltung keine Unterhaltung geben kann. Sich selber hat er mal in einem Interview als “certified Jew” bezeichnet mit Bar Mitzwa und Hebräischschule und allem. Und jetzt auch mit einem Auftritt im Rahmen der Jüdischen Kulturtage NRW. Die bieten derzeit in 52 Städten des Landes “ein alle Kunstsparten umfassendes Programm, bei dessen Zusammenstellung Qualität das Auswahlkriterium ist”.

Was wir hiermit gerne bestätigen, deswegen ist Geoff Berner ja urban urtyp #8 geworden. Unserer Indie-Reihe geht es darum, den Sound der Stadt zu hören, und der jüdische Sound dieser Stadt ist nicht nur wieder zu hören, er ist schon lange nicht mehr zu überhören. Worüber wir uns mit Geoff Berner freuen:

“Drink to it, think to it, dance to it.”

>> urban urtyp # 8 | wie immer sonntags | wie immer 19 Uhr | wie immer nur 10 Euro