Gold, Weihrauch und Wollny

Michael Wollny | urban urtyp #15

Michael Wollny | ACT

Ein “Wunderkind” sei erschienen, hieß es, die Kritiker stauten sich staunend ums Klavier herum, vorweg die FAZ:

“Selten einmal hat man solche Ausweitungen des konventionellen Klavierspiels folgerichtiger aus dem formalen Ablauf der Improvisationen ableiten können wie im Spiel von Wollny.”

Wenig später staunte die FAZ erneut:

“Man wird wohl als genial bezeichnen dürfen, wie wunderbar unerklärlich Wollnys Spiel überall hinpasst.”

Dass Michael Wollny, “das deutsche Jazzwunder”, der große H#äuser füllt und dem sie beim ECHO Jazz 2 x Gold umgehängt haben, dass er uns als urban urtyp spielt in diesem kleinen Indie-Format, das ist nicht Gold und kein Weihrauch, es ist ein Geschenk.

Eines, das mit alledem zu tun hat, mit Echo, Jazz und “Mensch”  …

Grönemeyers “Mensch”. Letztes Jahr im Mai, als der ECHO Jazz in Bochum verliehen wurde, hatten Céline Rudolph  –  hier bereits zweimal zu Gast gewesen –  und Michael Wollny sich in der Christuskirche verabredet, um “Mensch” zu studieren: Ihre Interpretation von Grönemeyers Monumentalsong sollte den Festakt beschließen: Hier die Endfassung, sie ist sehr schön.

Hier die Studie, nur Stimme & Piano, sie ist exklusiv.

Und zeigt nebenher, was Wollny auch kann: sich zurück nehmen. Er muss nichts beweisen, er kann erschaffen. Stimmungen, von denen man nicht wusste, dass man sie empfinden könnte. Er kann durch die Tasten pflügen, dass man nicht nachkommt mit dem Hören, und kann Pausen kreieren, die so voll sind mit Musik, dass er selber in die Pause gehen könnte, wir säßen immer noch da und hörten dem zu, was er nicht spielt.

Der Mann ist knapp über 30.

“Für mich war so mit sieben, acht Jahren Klavier spielen immer beides – Improvisation und Bach spielen, Mozart spielen.”

Das ist seine Erklärung, er ist alles andere als prätentiös. Ausnahmsweise mal ein Zitat aus dem Promo-Text:

Seine musikalische Herkunft ist zweifelsfrei europäisch. Johann Sebastian Bach, Franz Schubert, die deutsche Romantik, Olivier Messiaen haben ihn mindestens ebenso beeinflusst wie Musik von der anderen Seite des Atlantik. Bei Michael Wollny sind sich die beiden Traditionsstränge nicht im Weg, sie verbinden sich miteinander. Er weist damit auf eine Tradition hin, die in unserer europäischen Kunstmusik seit anderthalb Jahrhunderten unter die Räder gekommen scheint. Obwohl diese Musik scheinbar so ganz und gar vom Gedanken des Notierens geprägt ist und von der Arbeitsteilung zwischen kreativen und ausführenden Musikern, gab es hier eine lebendige Tradition des Fantasierens. Vor allem unter Pianisten. Und Fantasieren, das ist kaum etwas Anderes als Improvisation ohne Jazz-Wurzeln.

So beginnt jedes Konzert bei Null. Wenn Wollny in den urban urtyp kubus kommt  –  der Flügel steht mittig, wir sitzen drum herum – werden die Traditionen da sein, die Gegenwart und nichts mehr außer, dass nichts sicher sein wird.