Durs Grünbein und das „Friedhofsgemüse“

Der Bildungsbürger, vielleicht einer der letzten, liest aus "Römisches Zeichenbuch"

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“Alles das ist verschwunden.” So beginnt Grünbeins Zeichenbuch, in dem er Rom, die Zeichen der Stadt, zu lesen versucht:

“Nichts mehr da von der Pracht, / Die der Grundriß uns glauben macht.”

Die Situation: Grünbein, einer der Großen unter den Dichtern, die nicht verschwunden sind, steht in den Resten des Friedenstempels und sieht, was nicht zu sehen ist:

“An der Wand hing bis zur Decke, / In Marmorplatten eingraviert, / Der älteste Stadtplan der Welt.”

Die Stadt mit ihrem Plan ist verschwunden, es gibt jetzt nur noch uns:

    “Wir sind das Imaginäre, / Die Agenten des Ungefähren.”

Man hat Durs Grünbein, den Hochdekorierten, schon mal als Staatsdichter abgetan und seine Lyrik zurückdatiert in eine Zeit, in der ein Bildungsbürger noch nicht das Ergebnis von Obligatorik war. Der Mann ist eigensinnig, und falls, was er schreibt, nach Staatsdichtung klingt, ist das nicht der schlechteste Staat, in dem er schreibt:

Von ihm stammt ein Kommentar zu der Frage, wo im öffentlichen Raum das Gemeingut aufhört und wo das Plagiat beginnt: Die Grenze, so Grünbein, sei die zwischen Jung und Alt, die ganze Debatte ein

“hässlicher Biodiskurs”,

es handele sich um “Rassismus”. Das schrieb er vor zwei Jahren, als die Debatte über Helene Hegemanns Axolotl Roadkill hochdrehte. Damals veröffentlichte die FAZ einen Beitrag von Grünbein[“Mitglied des Ordens pour le merite”] mit dem Titel “”Plagiat””, in dem es hieß, ob ein Plagiat ein Plagiat sei oder keines, sei

“keine Frage der Gesinnung oder des Rechts, die durch Vergleichen, Silbenzählen, Interpunktionsmusterung, Namen- und Handlungsortkontrolle sich beantworten ließe, sondern es ist eine Frage ganz ausschließlich des literarischen Urteils”.

Diesem literarischen Urteil gegenüber, so Grünbein, lägen Begriffe wie Plagiat oder Herkunft in Sphären,

“die ohne Raum und ohne Atem sind”.

Wobei nun eben auch Grünbeins Text selber ein Plagiat gewesen ist  –  ein “Plagiatplagiat”, wie er tags darauf aufklärte. Urheber des Textes, von ihm nur leicht retuschiert, war Gottfried Benn, der Text ist 84 Jahre alt. Grünbein:

„Fällt eigentlich niemandem auf, was für ein hässlicher Biodiskurs das Ganze ist? Der wahre Rassismus tobt sich augenscheinlich heute zwischen Jung und Alt aus, zwischen vitalen Welpen und kulturkonservativem Friedhofsgemüse.“

Wenn das Staatsdichtung ist, nehme ich sie gerne entgegen. Auch wenn es, um Grünbein höflich zu ergänzen, anderen schon vorher aufgefallen war, was hinter dem Streit ums Urheberrecht steht, Matthias Heine etwa in DIE WELT:

„Es ist ein neues Kapitel im alten Menschheitskonflikt zwischen Priestern und Laien. Darin stehen auf der einen Seite diejenigen, die glauben, sie hätten aufgrund ihrer Ausbildung und ihrer Weihen einen exklusiven Zugang zu den Mysterien der Religion oder (heute im säkularisierten Zeitalter) zur Kunst. Ihre Gegner pochen immer wieder darauf, dass jeder Mensch einen direkten Weg zur Wahrheit gehen könne – unabhängig von Alter und Schliff.

Einst verlief die Frontlinie zwischen Amtskirche und Laienbewegungen. Heute trennt die Linie die Verfechter des ‚Qualitätsjournalismus‘ und die Blogosphäre. Es geht bei all diesen Konflikten vor allem um geistige Hoheitsrechte.“

Oder  –  um einen Grünbein-Satz aus dem Zusammenhang zu reißen, indem man ihm einen neuen Zusammenhang gibt:

„Etwas ist anders, seit auf dem Forum keine Kühe mehr weiden.“

Nämlich seit es Rom auf CD-ROM gibt. Die Frage ist nur, ob auch der Zusammenhang von dem, was es gibt und gab, dadurch ein anderer geworden ist.

Sein Römisches Zeichenbuch jedenfalls hat Durs Grünbein als Opus incertum et cementitium gebaut, als Mauerwerk aus Bruchsteinen mit Mörtelguß.


>> Durs Grünbein liest aus Aroma. Ein römisches Zeichenbuch

>> Dienstag 29. Mai | 19:30 Uhr

>> Eine Veranstaltung in Koop mit der Evang. Stadtakademie Bochum und Cicuit, der deutsch-italienischen Gesellschaft