Von Troja nach Tanga

Tanga Elektra | urban urtyp #21

Tanga Elektrai im uu-Kubus (Foto nachgetragen) | Michael Schwettmann (c)

Diese Geschichte beginnt auf einem Acker, führt über Troja und Rom nach Mecklenburg-Vorpommern und landet im Underground Berlins.

Auf dem Acker hatte Kain seinen Bruder Abel erschlagen, von Kain stammen wir alle ab. Aus Troja war Aeneas entkommen, von ihm stammen Romulus und Remus ab, Romulus war der, der seinen Bruder erschlug. Die Brüder David und Elias wuchsen in Mecklenburg-Vorpommern auf, und als aber Elias, 7 Jahre alt, ein Micky-Maus-Schlagzeug aus Plastik geschenkt bekam, prügelte er aufs Schlagzeug ein und nicht auf seinen Bruder [der auch zehn Jahre größer war].

So ist Tanga Elektra entstanden, als Ausbruch aus der Kulturgeschichte. Und aus Mecklenburg-Vorpommern.

Daraufhin werden die Brüder mit ihrer verrückten Mixtur aus Hippie-Renaissance und Elektro-Funk in Berlin emfangen, seitdem mischen sie dort die Clubszene auf. Mit E-Geige, Loopstation und Drums. Und einer Stimme, der von David, die Sam Cooke nicht nach-, sondern Ehre macht. New Soul.

Mit Geige? Es hat Klasse, wie die beiden mit dem Klang dieses bürgerlichsten aller bürgerlichen Instrumente spielen. Eine Geigenstunde ganz eigener Art, David jagt sein Gerät durch Effekte und Gitarrenamps, stopft einige Passagen in die Loopstation hinein, aus der sie als hippieskes Orchester hervorbrechen, und ab und an bearbeitet er seine Saiten, als hantiere Hendrix an einer Miniaturgitarre. Dazu singt und groovt er in bester Motown-Manier über alles, was den Alltag groß macht, Liebe, Sehnsucht, Einsamkeit.

Unter allem, in allem und über ihm schlägt das Herz dieser Musik, nämlich Elias seinen Beat. Minimalistisch, ohne poppige Schnörkel, dafür mit intelligenten Brüchen und einer Kraft, die mehr als treibend, eher schon triebhaft: Tanga Elektra sind Livekünstler, sie stellen ihre Songs nicht vor, sie entwickeln sie. Und dabei, sagen sie,

„entstehen immer verschiedene Parts und Sounds, der jeweilige Song mit seinen groben Umrissen und die Loopstation, auf der unsere spontanen Arrangements mitbasieren, stellen mehr oder weniger das eigentliche Spielfeld dar, auf dem wir dann “freidrehen”. Wir erwarten von uns auf jedem Konzert, uns selbst zu überraschen. Wenn das gelingt, sind wir danach fast zufrieden. Die Songs erneuern sich also ständig eigenständig. Vielleicht nennen wir auch deswegen unsere Musik New Soul.“

Irre, was auf diese Weise entsteht. Und wie lange es gebraucht hat, dass zwei Brüder vom Acker auf den Dancefloor kommen. Hier ein Video:


>> urban urtyp #21 | 23. September

>> wie immer sonntags wie immer 19 Uhr wie immer nur 10 €