Die einzigen Europäer in ganz Europa

Friedensnobelpreis für Europäische Union

„Der verlassene Raum“ von Karl Biedermann, Koppenplatz Berlin | Foto OTFW (cc)

In den 20er und 30er Jahren waren Juden “die einzigen Europäer in ganz Europa”, schreibt Amos Oz in Eine Geschichte von Liebe und Finsternis:

“In ganz Europa wollten viele die Juden damals ein für allemal loswerden, diese fiebrigen Europhilen, die das ganze Sortiment europäischer Sprachen beherrschten, Europas Dichter deklamierten, an Europas erhabene Moral glaubten, für seine Ballett- und Opernkunst schwärmten, seine Traditionen pflegten, Europas postnationale Einheit erträumten …”

So waren die ersten Europäer, sie waren verhasst. Amos Oz zählt auf, bei wem:

“Kirchlich-katholischer Antisemitismus, der feierlich durch hohe Kathedralen hallte, giftig-kalter protestantischer Antisemitismus, deutscher Rassismus, österreichische Mordlust, polnischer Judenhass, litauische, ungarische, französische Grausamkeit, ukrainische, rumänische, russische, kroatische Pogromgier, belgische, niederländische, britische, irische, skandinavische Judenverachtung …”

Heute dagegen, so Oz,

“heute hat sich Europa völlig gewandelt, heute findet man dort nur noch Europäer. Und auch die Parolen in Europa haben sich völlig geändert. In Vaters Jugendzeit stand an jeder Wand in Europa: ‘Juden, ab nach Palästina.’ Fünfzig Jahre später, als mein Vater Europa wieder besuchte, schrie es von allen Wänden: ‘Juden, raus aus Palästina.’”


ZUM BILD: “Der verlassene Raum” von Karl Biedermann

steht auf dem Koppenplatz in Berlin am Rande des früheren Scheunenviertels, das im 18. Jahrhundert als eine Art Ghetto light entstanden war und sich später zum jüdischen Arbeiterviertel entwickelt hatte. 1988  –  noch war Europa geteilt  –  hatte der Bildhauer Karl Biedermann den ersten großen Denkmalswettbewerb der DDR gewonnen “mit einem für die offizielle DDR-Kunst höchst ungewöhnlichem Entwurf”, wie es hier heißt:

“Ein Ensemble aus Bronze in Form eines Zimmers ohne Wände … ein verlassener Raum, in dem die Besucher umhergehen und an dessen Tisch sie sich setzen können.”

Auch das eine Metapher für Europa.