Portico Quartet: Ihr eigenes Genre

Das Londoner Quartet mit neuem Album erneut zu Gast

PorticoQuartet bei Jamie Leith (c)

“Es war kein Paukenschlag”, hatte Tom Thelen geschrieben, “es war eine Sensation.”

Portico Quartet aus London, auf der Insel höchst gelobt, hatten bei uns eines ihrer allerersten Konzerte auf dem Festland gegeben.

“Am Ende: glückliche Zuhörer.”

‚Radiohead des Jazz‘ werden sie in England gern genannt und immer wieder mit e.s.t. verglichen, auch mal mit Brian Eno oder  –  egal, Vergleiche bringen so wenig wie Etiketten: ‚Post-Jazz‘ hieß es zunächst, es klang hilflos. Also schrieben alle über das Hang, dieses ufo-ähnliche Klöppel-Instrument mit seltsam surrealem Sound:

“Irgendwann fühlten wir uns von ihm tyrannisiert.”

Sagte Duncan, der Drummer, kürzlich im Interview mit Jazzthetik. “Was immer wir machten, es musste sich ums Hang drehen.” Und Jack, der Saxophonist:

“Wenn es nicht mehr um deine Musik geht, sondern um ein Instrument, wird das irgendwann lästig.

Also sind sie ausgebrochen aus der Klemme, das dritte Album ist ihr zweites Debüt. Das entstand, als sie mit ihrem ersten Album tourten: Damals, nahezu das ganze Jahr 2010 hindurch, haben 3 von 4  –  Duncan Bellamy [dr], Milo Fitzpatrick [b] und Jack Wyllie [sax]  –  angefangen,

„mit Electronics und der elektronischen Manipulation akustischer Instrumente zu experimentieren. Das Hang aber lässt sich nicht ohne Weiteres manipulieren, weil man das Mikrofon ins Instrument stecken müsste, was dann wiederum jede Menge Feedback erzeugen würde. So gingen wir diesen Weg zu dritt.“

Und weil Nick Mulvey, der Hang-Spieler, eh zurück wollte an sein eigentliches Instrument, die Gitarre, verließ er die Band und Keir Vine kam hinzu. Ergebnis:

“eine drastische Neuaufstellung in Sachen Sound”,

wie Wolf Kampmann in Jazzthetik schreibt:

„Das Hang ist nur noch ein Aspekt unter vielen, die kammermusikalischen Melodien der ersten beiden Alben verwandeln sich in lineare Prozesse, und eine Vielzahl elektronischer Sounds dominiert die Dramaturgie.“

Sie haben Loop-Stations und Synthesizer eingebaut, arbeiten mit Samples und Manipulationen, arbeiten aber weiterhin live. Auch das neue Album  –  wieder auf Peter Gabriels realworld- Label erschienen und von John Leckie [Simple Minds, Radiohead u.a.] produziert  –  wirkt beim ersten Hören wie eine perfekte Studioproduktion, ist aber komplett live eingespielt. Was eben den Sound ausmacht von PQ,

„dieses kollektive Empfinden für Klänge“,

wie Keir es nennt. Ihre Electronics spulen nicht wie von selber ab, sie wirken geistesgegenwärtig, so erst entfaltet das Ganze hypnotische Macht. Weniger wohlig, mehr düster, weniger gerundet, dafür treibend, weniger Wellness und Melodien, mehr Dubstep und Downbeats in atonalen Räumen. Duncan:

„Wenn es nach einem Genre klingt, sind wir das nicht.“

Und wenn sie es sind, sind sie ihr eigenes Genre.


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