Die Schreie gehört, die Schläge gespürt

Marcus Hellwig war 132 Tage lang eingekerkert im Iran. Ein Bericht über das Verlassensein.

Täbriz, 1,5-Mio-Metropole im Osten des Iran. Foto aus Mai 2012 zeigt ein stark vergrößertes Detail

“Heute bin ich vier Monate in diesem Loch eingesperrt. 120 Tage in einem kahlen, fensterlosen Raum.”

Im Oktober 2010 war Marcus Hellwig, Reporter der BamS, in den Iran geflogen, um die Geschichte von Sakineh Ashtiani zu recherchieren, einer Frau, die wegen Ehebruchs gesteinigt werden sollte. Hellwig traf ihren Anwalt, der erzählte, wie sehr ihn das Regime unter Druck setze, damit er aufhöre, den Fall seiner Mandantin öffentlich zu machen:

“Was passiert, wenn Sie nicht aufhören? –  Dann werden sie mich verhaften. Sie werden mich einschüchtern. Vielleicht werden sie mich foltern, vielleicht werden sie mich verschwinden lassen. Niemand weiß, wie die reagieren.”

Noch während dieses Interviews wurden Hutan Kian, Hellwig und dessen Fotograph verhaftet und in ein Foltergefängnis der Pasdaran, der iranischen Gestapo verschleppt.

Hellwig hat über die 132 ewigen Tage geschrieben, in denen er “Spielball” iranischer Machthaber war. Es ist ein Bericht über das Verlassensein und über das, was Hoffnung gibt, ein Bericht über die Folter und über Helden wie Hutan Kian, der sagt:

“Ich werde mich trotzdem nicht von meiner Arbeit abhalten lassen.”

Die Zelle, in die man Hellwig stieß, ist “acht Quadratmeter groß” und tags wie nachts so grell beleuchtet, “als stünde ich bei einem Fotoshooting”. Dutzende Verhöre, die bis zu zwölf Stunden dauern, stundenlanges Stehen, immergleiche Fragen.

Wahrnehmung löst sich ab

Nur wenige Male, dass Hellwig über die Folter selber schreibt, über Männer, die einen Mundschutz tragen und weiße Gummischürzen. Sehr viel bedrängender für uns, die sein Buch im kommoden Deutschland lesen, ist das, was er als “Woge der Ungewissheit” beschreibt, die ihn wieder und wieder hinwegspült:

“Was haben sie jetzt mit mir vor?”

Die Ungewissheißt ist, als kämpfe er “mit den Elementen”, mit den grundlegenden Gewissheiten des Lebens. Wo Willkür regiert, die jede Sekunde hereinbrechen kann, zerbricht das Weltvertrauen. Und ohne eine Welt, in der man sich erkennen könnte, zerbricht das Vertrauen, das jeder zu sich selber hat, zu seinem Körper.

Folter greift den Körper von Innen an, Hellwig beschreibt dies in zwei Szenen. Bei einem Hofgang reißt er sich am rauen Putz der Mauer den Ellenbogen auf:

„Apathisch betrachte ich die leicht blutende Wunde, doch mein Gehirn will nicht akzeptieren, dass diese Verletzung zu meinem Körper gehört. Der Schmerz stellt sich nicht ein.“

Wahrnehmung, selbst das Schmerzempfinden, löst sich von der Wirklichkeit ab. Wirklich dagegen ist das, was droht:

„Jeden Morgen werde ich von den qualverzerrten Schreien der Mitgefangenen geweckt. Am Anfang habe ich mir die Ohren zugehalten, dann habe ich mir aus Taschentüchern provisorische Ohrstöpsel geformt. Doch die schrecklichen Geräusche zwängen sich vorbei, weiter in mein Gehirn. Solche Orgien beginnen meist mit einem metallenen, ratschenden Geräusch, das sich anhört, als würde eine Eisenkette durch einen Verschluss gezogen. Dann höre ich Stimmen, Wortsalven werden abgefeuert, Schritte jagen hin und her, manchmal prallt etwas dumpf auf den Boden. Dann das zuerst noch angsterfüllte Rufen des Malträtierten …“

Hellwig hat “die Schreie gehört, die Schläge gespürt, die Ängste gefühlt.” Am 127. Tag seiner Haft wird er vor eine Art Gericht gestellt:

„… ein Soldat kommt, der einen Gefangenen angekettet neben sich führt, auf mich zu. Der Mann schlurft in Badelatschen hinter seinem Bewacher her, geht gebückt, trägt einen ausgeleierten Trainingsanzug und einen Mundschutz. An seinen ungewöhnlich blonden Haaren erkenne ich Hutan Kian wieder. Seit unserer gemeinsamen Verhaftung ist er stark abgemagert, der Menschenrechtsanwalt muss etwa die Hälfte seines ursprünglichen Gewichts verloren haben. Müde hebt Hutan Kian seine Hand zum Gruß … Pantomimisch übermittelt er mir, wie er in den vergangenen Monaten gefoltert wurde, deutet Schläge ins Gesicht und zwischen die Beine an, zieht an einer imaginären Zigarette, führt sie mit der Hand zu den Füßen …“

Kurz darauf wurden Hellwig und sein Fotograph nach Deutschland ausgeflogen.

“Ich bin mir sicher, dass man mich lebendig begraben wird.”

Heute, 22 Monate später, sitzt Hutan Kian weiterhin in jenem Gefängnis in Täbris ein, das Hellwig verlassen konnte. In einem Brief, den Hutan Kian kürzlich nach draußen schmuggeln konnte, schreibt er:

„Ich wurde dermaßen verstümmelt, dass ich nicht einmal den Wünsch habe, meine kleine Tochter zu sehen, die ich bislang ohnehin nicht sehen durfte. Ich appelliere an die wachsamen Gewissen, mich nicht zu vergessen. Ruht nicht nachts bequem  in euren Betten, denn mir wird dies seit Monaten vorenthalten. Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, wann ich zuletzt einen ruhigen Schlaf gehabt habe. Man hat mich zu sechs Jahren Haft verurteilt, ich bin mir sicher, dass man mich vor Ablauf der Haftzeit lebendig begraben wird.“


>> 15. Dezember, ab 17 Uhr, Christuskirche Bochum
>> Kuratorinnen des Menschenrechtspreises: Jasmin Tabatabai, Künstlerin, und Shirin Ebadi, Friedensnobelpreisträgerin