Ol’ Blue Eyed Bach

J. S. Bach und das Weihnachtsoratorium

“Blond und blauäugig”: Christusfigur im Turm der Christuskirche [Detail], das Mosiak wurde 1931 fertiggestellt | Foto thw

Im Weihnachtsoratorium geht es um jüdische Eltern, die ein jüdisches Kind ins jüdische Land setzen, bestaunt von jüdischen Hirten, besungen von jüdischen Engeln und von jüdischen Sternen beschienen. Klar, dass dieses Kind nicht Winfried heißt oder Götz, es bekam einen jüdischen Namen, wurde beschnitten und kam nicht die HJ, sondern auf die Judenschule.

Ob das Weihnachtsoratorium jemals während der Nazizeit gespielt worden ist? In Deutschland, dem arischen Land? Zu der Zeit, da Hans Frank Landpfleger in Polen war?

Es ist irre, aber die Nazis haben Bach gemocht. Er galt ihnen als einer der “deutschesten Deutschen”. Nur wie haben sie sowas den deutschen Deutschen erklärt? Dass man zwar eigentlich auf brausende Stürme steht und reißende Ströme, aber dennoch doch auch auf Bach, der andauernd jüdische Texte vertont.

Die Nazi-Erklärung geht so: Bei irgendeiner Grabung hätten sie just neulich eine Flöte gefunden, eine “germanische Lure“, und von der hätten sie nicht nur eine gefunden, sondern zwei. Und weil 1 plus 1 viel ergibt, hätten sie folgescharf gemessert, dass sie, die Germanen, die Polyphonie entdeckt hätten: 2 Flöten = polyphon = Bach = “blond und blauäugig”.

Das Bachhaus in Eisenach hat 2009 eine Ausstellung darüber gemacht, über “Blut und Geist” und wie die Nazis sich Bachs Musik zurecht gebogen haben. Schließlich kann man – Blut hin, Geist her – nicht beides haben, den 1 Führer und die Vielstimmigkeit, das 1 Volk und die Polyphonie, 1 im Gleichschritt stolzierendes Reich und den quirligen Bach. Vielstimmigkeit und Nazis, das passt zusammen wie Weihnachtsoratorium und Wintersonnenwendfeier.

Wir feiern Weihnachten.


>> 23. Dezember 17 Uhr
>> Weihnachtsoratorium von J.S. Bach, Kantaten 1-3
>> Stadtkantorei Bochum, Bochumer Symphoniker. Leitung: Arno Hartmann
>> Tickets für 18 Euro hier
>> mehr Infos hier