„Christliche Identität“ und ein verhülltes Kreuz

Die "Altarkreuz-Debatte" zeigt auf, worum es wirklich geht im jüdisch-christlichen Gespräch

Sehen, was man nicht sehen kann: Altarwand der Christuskirche mit dem Schatten, den das Kreuz wirft | thw

Darf man das Altarkreuz verhüllen? Wir haben es getan, darüber hat es eine Auseinandersetzung gegeben, von der WAZ “Altarkreuz-Debatte” genannt.

Der Stil der Auseinandersetzung lässt Wünsche offen, manches wirkt fingiert, anderes bestellt. Die eigentliche Frage ist, geht es tatsächlich ums Kreuz?

Angekündigt war ein Konzert. Wir haben seit 53 Jahren Konzerte in der Kirche  –  die der Stadtkantorei  –  bei denen das Kreuz ins Off gestellt wird, es hat nie eine Debatte gegeben, warum jetzt?

Dieses Konzert trug den Titel “Jewish Prayer”. Angekündigt war  –  nein, kein Dialog: als Jüdischer Beter trat einzig ein Christ ans Mikrofon  –  angekündigt war

“eine Begegnung mit der großen Tradition deutsch-jüdischer Musik und mit deren religiösen Ursprung, dem Gottesdienst in der Synagoge”.

In der Kirche? Sonntags um 16 Uhr? 67 Jahre nach Auschwitz? In der Tat, es geht ums Kreuz.

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Zum „Festival“ eingeladen hatte eine “Bochumer Runde” im “Evangelischen Forum Westfalen”, einem selbständigen Verein. In der Einladung wird eingangs an Auschwitz erinnert, man benutzt dafür den Begriff “Shoah”, die Katastrophe  –  als sei sie eine für alle gewesen. Man zitiert Dan Diners Wort vom “Bruch der Zivilisation” und nennt diesen Bruch einen “unwiederbringlichen Verlust an Menschen, Geist und Kultur”.

Dann lädt man zum diesjährigen “Festival” ein und verspricht “eine Begegnung mit der großen Tradition”. Unwiederbringlich ist offenbar nichts, der Christ tritt ans Mikrofon: “An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten …”

Wäre nicht spätestens jetzt der Moment gewesen, das Kreuz zu verhüllen?

Weinten denn tatsächlich “wir”? Augenscheinlich ist es so, dass wir  –  wir Christen  –  nicht weinen, nicht geweint haben und wenig Anstalten machen, es zu tun. Vor 25 Jahren bereits schrieb Friedrich-Wilhelm Marquardt:

„Es ist schwer zu leugnen, dass christlicher Glaube und Theologie sich bisher von Auschwitz nicht haben berühren lassen. […] Die Kirchen sind jedenfalls von diesem Geschehen nicht entsetzt, aus ihrer Fasson gestoßen worden, sie bleiben im Bann der universalen Kälte und Teilnahmslosigkeit..“

25 Jahre sind seit dieser Feststellung vergangen, werden wir, wenn wir heute erinnern, aus unserer Fasson gestoßen? In diesem Fall, einem “Festival”, war es so:

Kaum war das Kreuz verhüllt, ging es nicht mehr um “die Shoah”, sondern um “christliche Identität”. Kaum geht es um Identität, ist sie “verletzt”. Kaum ist sie verletzt, klingt es tatsächlich, als säße da wer und weinte. Jetzt mit einemmal geht es   –  alle Zitate entstammen den Reaktionen, die alle an die größte Glocke im Dorf gehängt werden mussten  –  jetzt geht es um “große Trauer” und “tiefe Bestürzung”, darum, dass einem etwas “zugemutet” werde und dass man sich “schämt”, werden “Gefühle” erwähnt und dass man “verletzt” sei, jetzt mit einemmal geht es um “die Grundlage meines christlichen Glaubens” und “meines theologischen Denkens”.

Mein Glaube, mein Denken, meine christliche Identität –  in der Philosophie nennt man das eine metabasis eis allos genos, frei übersetzt: einen Taschenspielertrick: Unter der Hand ist aus dem Konzert eine Bekenntnis-Situation geworden. Eben ging es noch darum zu erinnern, jetzt geht es darum zu verkünden. Eben ging es noch um andere, jetzt geht es ums Eigene. Eben noch die Synagoge, jetzt das Kreuz, eben noch Auschwitz, jetzt ich.

Mein Glaube, mein Denken, meine Identität: Was untern Altartisch fällt dabei, ist das, was eigentlich erinnert werden sollte, Identitätsvernichtung. Von ihr hat Jean Améry berichtet, er hatte Auschwitz überlebt und mit folgender Szene verdeutlicht, was es bedeutet, wenn der Geist “seine Grundqualität, die Transzendenz” verliert:

„Ich erinnere mich eines Winterabends, als wir uns nach der Arbeit im schlechten Gleichschritt unter dem entnervenden ‘Links zwei, drei, vier’ der Kapos vom IG-Farben-Gelände ins Lager zurückschleppten und mir an einem halbfertigen Bau eine aus Gott weiß welchem Grunde davor wehende Fahne auffiel. “Die Mauern stehn sprachlos und kalt, im Winde klirren die Fahnen”, murmelte ich assoziativ-mechanisch vor mich hin. Dann wiederholte ich die Strophe etwas lauter, lauschte dem Wortklang, versuchte dem Rhythmus nachzuspüren und erwartete, dass das seit Jahren mit diesem Hölderlin-Gedicht für mich verbundene emotionelle und geistige Modell erscheinen würde. Nichts. Das Gedicht transzendiert die Wirklichkeit nicht mehr. Da stand es und war nur noch sachliche Aussage: so oder so, und der Kapo brüllt “Links”, und die Suppe war dünn, und im Winde klirrten die Fahnen.“

Améry hat die Vernichtung von Identität minutiös beschrieben bis hin zur furchtbaren “Selbstaufhebung des Geistes”. Er hat auch auf die “besondere Problematik” hingewiesen, die sich dem jüdischen Intellektuellen stellte, der in der deutschen Kultur heimisch war:

„Was immer er anzurufen suchte, gehörte nicht ihm, sondern dem Feind. Beethoven. Aber den dirigierte in Berlin Furtwängler, und Furtwängler war eine geachtete offizielle Persönlichkeit des Dritten Reiches. Über Novalis standen Aufsätze im “Völkischen Beobachter”, und die waren manchmal gar nicht dumm. […] Von den Merseburger Zaubersprüchen bis Gottfried Benn, von Buxtehude bis Richard Strauss war das geistige und ästhetische Gut in den unbestrittenen und unbestreitbaren Besitz des Feindes übergegangen.“

Und weiter:

„Der deutsch-jüdische Auschwitzhäftling […] konnte die deutsche Kultur nicht als seinen Besitz reklamieren, weil sein Anspruch keinerlei soziale Rechtfertigung besaß.“

Kann ein deutsch-christlicher Verein die deutsch-jüdische Kultur als einen Besitz inszenieren? Könnte er es zumindest dann, wenn es eine soziale Rechtfertigung dafür gibt, sei es im kirchlichen Milieu oder in der Leserbriefspalte? Und, nächste Frage, kann eine derart re-inszenierte Kultur die Wirklichkeit heute transzendieren?

Drei mal Nein. Es gibt keinen Anschluss an eine Kultur, die einmal deutsch-jüdisch war, ohne den Bruch erkennbar zu machen, der uns von ihr trennt. Noch weniger, wenn diese Kultur heute, 67 Jahre nach Auschwitz, nicht nur in eine andere Zeit, sondern einen anderen Raum hinein sprechen soll: Die Christuskirche ist kein neutraler Ort.

Am wenigsten aber gibt es den Anschluss an jüdische Kultur, indem wer in eben diesem parteiischen Raum seine “christliche Identität” behauptet: Was immer er anzurufen sucht, gehört nicht ihm, nicht diese Tradition, kein Jewish Prayer und auch nicht das Kreuz:

„Wir verstehen uns nicht als Kirche, die triumphiert,“

heißt es in der Erklärung des Superintendenten zu diesem Abend,

„sondern als eine Kirche, die im Kreuz das Symbol auch ihrer eigenen Schuld erkennt. Das Kreuz ist uns weder Besitz noch Hab noch Gut, es bleibt uns Anfechtung und Frage und nötigt uns zu theologisch reflektierter Auseinandersetzung.“

Darf man es bisweilen verhüllen? Muss man das Kreuz beizeiten beiseite rücken?


>> Öffentliche Diskussion | Mittwoch, 19. Dezember, 19:30 Uhr, Christuskirche Bochum
>> mit Prof. Dr. Thomas Erne, EKD, und Prof. Dr. Desmond Bell, EFH: mehr Infos hier
>> Eintritt frei

>> Hier einige der im Print veröffentlichen Beiträge:

2012-11-02 Albrecht_Winkler Oeffentl_Mail

2012-11-02 Keller_an_Winkler Oeffentl_Mail

2012-11-03 DerWesten mit  Kommentaren

2012-11-02 DerWesten mit moderierten Kommentaren

2012-11-03 WAZ Verhuelltes_Altarkreuz

2012-11-03 Evang_Forum_Westfalen

2012-11-05 WAZ Leserbrief_anonym

2012-11-06 WAZ Leserbrief_anonym

2012-11-07 WAZ Leserbrief_Siebrasse

2012-11-10 WAZ Leserbrief_Liebig

2012-11-10 WAZ Erklaerung Superintendent

2012-11-10 Wortlaut Erklaerung Superintendent

2012-11-12 Evang_Forum_Widerspruch

2012-12-04 Einladung_Sup – Debatte_um_Altarkreuz

2012-12 21 RN Debatte_um_Altarkreuz? Nachbericht

2013-01-27 UK Debatte_ums_Kreuz? HannesWaschk

2013-02 Magazin fuer Kunst Kultur Theologie Ästhetik – Andreas Mertin