Ton. Für. Ton.

Bohren & Der Cub of Gore. Sie bauen Töne ab.

Bergwerk in Wales | Axel Strauß (cc)

Boh­ren bauen Töne ab. Wo andere das Ende der Musik ver­mu­ten, spie­len sie wei­ter, immer an der Grenze zum Still­stand ent­lang. Immer vor der Wand, aus der sie Ton für Ton her­aus­bre­chen.

Der Rhyth­mus liegt gevier­teilt am Boden, wie Stein­bro­cken fal­len Har­mo­nien aus dem Fen­der Rho­des, das Zeit­ge­fühl gibt auf. „Ereig­nis­arm“, nen­nen die Mülheimer ihre Musik, das ist unaufgeregt formuliert.

Zu sehen gibt es schon mal nichts, das Wenige, das sie spielen, kommt aus dem Dunkeln, und wenn es dann dunkel und dunkler klingt, hat es trotzdem nichts mit der Düster-Szene zu tun, den Totenköpfchen am Goldkettchen.

Auch nichts mit einer Tris­tesse, die manche gern im Ruhr­ge­biet ver­mu­ten. Es hat mit Reduk­tion zu tun. Warum noch einen Ton spielen, wenn der, den man hört, noch nicht zuende ist.

Auf diese Weise, ereignisarm und ärmer, ereignet sich etwas. Sowas wie Musik: Ton. Für. Ton.

Adagio Adagio. Immer tiefer hinein ins Dunkel der Töne. Die nie nur da sind, sondern hergestellt werden aus dem Nichts. Seit Heidegger denken alle, das Nichts nichtet. Bohren bohrt.

Bis ein komplettes Album abgebaut ist. Zuletzt  – das Album trug das Ende der Arbeit wie eine Sehnsucht im Titel: DOLORES! die Schmerzen!  –  zuletzt war ihre Musik nicht mehr so völlig entschleunigt wie sonst. Auch wenn es unangemessen wäre zu sagen, sie sei „schneller“ geworden … nur was ist sie dann geworden?

Können sie etwas außer nichtschnell? Was sie haben: Sax + Fender Rhodes + Bass + ein paar Drums, die noch nie geprügelt wurden. Gitarren?

“Potenzielle Nervensägen”.

Am ehesten ließe sich, was jetzt noch bleibt, als DOOM-JAZZ beschreiben. Laut.de beschreibt es so:

Ambientartige, extrem langsam performte Klanglandschaften mit sphärischer bis meditativer Prägung. Mit leichter Hintergrund-Untermalung hat das alles nichts zu tun. Das Stillleben wird nahezu ausschließlich durch die instrumentellen Farben des Jazz gemalt. Als roter Faden zieht sich dabei das wohl behäbigste, bedrückendste Saxophon der Musikgeschichte durch die zeitlupenhaften Tracks.

Weltschmerz? Die ganzen existenziellen Fragen? Ach je, die vier Herren geben witzige Interviews, verweigern jede große Deutung und erklären ihre Musik mal damit, dass

wir nicht viel schneller spielen können

oder dass

der Hörer den Ton serviert bekommt, den er erwartet hat. Es dauert was, aber er kommt.

Auch der Kellner hat ein Privatleben. So bleibt ausreichend Zeit, sich von dem Ton, auf den man wartet, eine Vorstellung zu machen. Wenn Boh­ren bohrt, arbei­ten sie im Kopf, der einem gerade noch gehört hat und jetzt gerade zuhört, wie andere bohren. Ton. Für. Ton.


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