„Die Verwandung“

Frederik Köster ist chillaxified

Frederik Köster by Lutz Voigtländer

“‘Was ist mit mir geschehen?’ dachte er. Es war kein Traum. Sein Zimmer, ein richtiges, nur etwas zu kleines Menschenzimmer, lag ruhig zwischen den vier wohlbekannten Wänden.” 

Der Satz ist, klar, nicht aus Kösters, sondern Kafkas “Die Verwandlung”: Alles ist geblieben, wie es war, richtig und ruhig und etwas zu klein, nur Gregor Samsa hat sich verändert … und eben so, als “die Verwandlung”, hat Frederik Köster sein neues Projekt benannt, wieso nur. Der Mann ist 37 und wird wie ein neuer Till Brönner gehandelt:

“Lange hat man nicht mehr so eine Trompete im Jazz gehört”,

hatte DIE WELT geschrieben,

“endlich mal einer, der nicht wie Miles Davis oder Chet Baker klingt.”

Warum sich wandeln? Weil Jazz keine Karriereplanung ist, “Jazz ist eine Lebenseinstellung”. Hat Nils Petter Molvaer gesagt, der verbringt sein Leben ja ebenso am Blech: “Jazz bedeutet, offen und frei zu sein.” Sich nicht bloß verändern, wie es alle tun, sondern wirklich zu verwandeln: Gregor Samsa fand sich, aus unruhigen Träumen erwacht, als “ungeheures Ungeziefer” vor:

“Zunächst wollte er ruhig und ungestört aufstehen, sich anziehen und vor allem frühstücken und dann erst das Weitere überlegen, denn, das merkte er wohl, im Bett würde er mit dem Nachdenken zu keinem vernünftigen Ende kommen.”

Auch die Stimme ist anders geworden, sie hat sich nicht verändert, der Ton hat sich verwandelt:

“Gregor erschrak, als er seine antwortende Stimme hörte, die wohl unverkennbar seine frühere war, in die sich aber, wie von unten her, ein nicht zu unterdrückendes, schmerzliches Piepsen mischte, das die Worte förmlich nur im ersten Augenblick in ihrer Deutlichkeit beließ, um sie im Nachklang derart zu zerstören, dass man nicht wusste, ob man recht gehört hatte.”

Frederik Köster? Der den ECHO Jazz und was es sonst an Preisen gibt auf seinem Regalbord stehen hat?

Köster, der Kölner, verwandelt sich mit Gelassenheit und Witz, er bezieht sich auf Gregor Samsa  –  den Versicherungsvertreter mit dem “schmerzlichen Piepsen”  –  während er selber den entgegen gesetzten Weg geht: raus aus dem richtigen und ruhigen und etwas zu kleinen Menschenzimmer, weg von der Konzeptmusik  –  “Warum war nur Gregor dazu verurteilt, bei einer Firma zu dienen, wo man bei der kleinsten Versäumnis gleich den größten Verdacht fasste?”  –  weg von der Versicherungsmusik, Köster will zurück zum Spiel:

“Niemand muss hier etwas beweisen, sämtliche Songs drücken einen Zustand schöpferischer Gelassenheit aus. Wo auf Kösters früheren, deutlich rockigeren CDs ein Hang zu urbaner Enge und motorischem Stress vorherrschte, macht sich jetzt eine Anmutung von pastoraler Weite und zeitlicher Unabhängigkeit breit. Selbst die sehr sparsam eingesetzten Electronics erweitern eher den Horizont, als dass sie für digitale Hektik stehen würden.”

Textet sein Label. “Pastorale Weite”, das haben wir  –   wir machen hier urban urtyp –  im urban dictionary nachgeschlagen, heißt so viel wie chillaxified. Klingt wie eine Verwandlung.