Camel, Snow Goose und Krieg

Das legendäre Opus live. Tribute to Peter Bardens

Snow goose migration by CrunchySkies (cc)

“The Snow Goose” erzählt vom Krieg, die Christuskirche ebenfalls. Es hat Sinn, dass CAMEL ihr Opus Magnum  –  erstmals nach 38 Jahren  –  in dieser Kirche inszenieren. Ohne dass ein Wort fällt, wird eine Geschichte von Paul Gallico vertont. Sie erzählt davon, dass der Kampf gegen die Nazis von Menschen geführt wurde, die lieben konnten. 

Und sterben mussten. Die Geschichte spielt zwischen 1933 und 1940, sie handelt von Philip Rhayader, einem Maler [als den sich auch Hitler sah] und Einzelgänger [als den sich Hitler ebenfalls sah]. Der 29jährige, von den Leuten gemieden, weil bucklig und hässlich [“that queer painter”], lebt zurückgezogen in einem alten Leuchtturm an der englischen Küste in Essex.

Im November ’33 kommt die 12jährige Fritha zu ihm, verängstigt, aber voller Mitleid mit einem verwundeten Vogel, den sie auf Armen trägt: the Snow Goose, auf dem Weg in den Süden von einem Sturm davon getragen in fremdes Land, “surrounded by strange birds” und von einem Wildjäger angeschossen.

Rhayader pflegt die Schneegans gesund, “he was a friend to all things wild, and the wild things repaid him with their friendship”.

Auch Fritha und Rhayader schließen Freundschaft, verlieren sich aus den Augen, als die Schneegans sie im Frühjahr verlässt, aber dann übers Jahr kehren beide zurück, Fritha und “La Princess Perdue, the Lost Princess”. Die Freundschaft hält, sie wächst über Jahre.

Eines Tages dann im Mai 1940  – “The world was on fire” –  kommt Fritha zum Leuchtturm, als Rhayader gerade sein Boot klarmacht, er ist, obwohl gehandicapt, ein guter Segler: Vom Boot aus findet er die Motive, die er malt. Jetzt allerdings will er über den Ärmelkanal setzen, rund 75 Seemeilen nach Dünkirchen, wo 380 000 britische und französische Soldaten von den Deutschen eingeschlossen waren,

“huddled on the beaches like hunted birds. Frith, like the wounded and hunted birds we used to find and bring to sanctuary”.

Frith will mitkommen, sie ist 19, sehr leise hat eine Liebesgeschichte begonnen, Rhayader wehrt ab:

“Your place in the boat would cause a soldier to be left behind, and another, and another. I must go alone.” – “God speed you, Philip.”

Und die Schneegans taucht auf, sie zieht ihre Kreise über dem Boot und begleitet es über den Kanal. Die Engländer mobilisieren, was es an Booten gibt, sie evakuieren 340 000 allierte Soldaten. Auch Rhayader fährt tagelang ins Feuer hinein, wieder heraus, wieder hinein, am Ende wird er tödlich getroffen.

Und die Schneegans kehrt, bevor sie Fritha für immer verlässt, zu ihr zurück “with the message that she would never see him again”.

Ein deutscher Bomberpilot, der den Leuchtturm für ein militärisches Ziel hält, zerbombt, was von ihrer Liebe übriggeblieben war. Fritha bleibt nur ein Bild, das Rhayader von ihr gemalt hatte: Sie, 12jährig, mit der verwundeten Schneegans im Arm.

“Noch nie hatten so viele so wenigen so viel zu verdanken”

Soweit die Kurzgeschichte von Paul Gallico, eine Parabel, im Herbst 1940 geschrieben, als Hitlers Luftwaffe drauf und dran war, England zu erobern.

Auch in Bochum mit seiner gigantischen Rüstungsindustrie wurde alles daran gesetzt, England zu zerbomben. Seit Jahren bereits hatte ein Mosaik im Turm der Christuskirche daran erinnert, dass England “Feindstaat” sei, hier die Geschichte dieses prekären Mosaiks.

Bis Anfang 1941 flogen die Deutschen Luftangriffe auf England, 27 450 Zivilisten wurden “like hunted birds” ermordet, 544 englische Piloten  –  unter ihnen viele Freiwillige aus Polen, der Tschechoslowakei, Kanada und Neuseeland  –  zahlten mit dem Leben dafür, die Deutschen davon abzuhalten.

“Noch nie hatten so viele so wenigen so viel zu verdanken”,

erklärte Churchill später.

CAMEL hören heißt zu verstehen, welche Kraft in einer Geschichte liegt, die Paul Gallico  –  der selber Kriegsreporter war  –  erzählt hat in einem Moment, in dem alles dafür sprach, dass keine Schneegans und keine Mädchen, keine Künstler und keine Einzelgänger den Krieg gegen Hitler gewinnen:

“… he knew that implanted somewhere in their beings was the germ knowledge of his existence and his safe haven, that this knowledge had become a part of them and, with the coming of the grey skies and the winds from the north, would send them unerringly back to him.”


>> Gallicos “The Snow Goose” im Original
>> Mehr Infos zum Konzert>> Das Foto von CrunchySkies zeigt Schneegänse im Squaw Creek National Wildlife Refuge in Missouri/USA, die sich zum Aufbruch in den Süden sammeln.
>> Das Konzert von CAMEL am 30. Oktober ist ausverkauft.