Mozart und Mörser

Karl Kraus hat sich gegen die Verstaatlichung von Mozarts Requiem gewehrt. Erfolglos.

Mörser auf einem Schlachtfeld in Frankreich 1914 – Bundesarchiv_Bild_146-1975-006-20

Karl Kraus betrachtet ein Plakat, das eine Aufführung von Mozarts Requiem anzeigt: “Täuscht mich mein Auge nicht – so ist’s ein Mörser!” Es ist das Jahr 1915, der Erste Weltkrieg tobt, und das Wiener Bürgertum lässt sich zu Tränen rühren  –  nicht etwa vom “Requiem Europas”, sondern von Mozarts Erhabenheit. Kraus dagegen hört Mozarts Musik, als sei sie zum Militärdienst eingezogen worden.

Wie recht er damit hatte, sich gegen Mozarts Verstaatlichung zu wehren  –  1918 wurde selbst der Jahrestag der Oktober-Revolution mit KV 626 begangen  –  zeigte sich, als die Nazis den 150. Todestag von Mozart inszenierten. Bekanntlich war Mozart beim Schreiben seines Requiems gestorben. Jetzt, im Jahr der Reichsaufführung 1941, starben Hunderttausende in den Lagern der Nazis, in den verwüsteten Ländern, in dem Vernichtungskrieg, den die Deutschen führten:

“Kein Gegenstand, / der nicht die Form des Mörsers heute hat”, hatte Karl Kraus Jahre zuvor erkannt: “Bonbonnieren, Hüte, Sammelbüchsen, / alles ist Mörser. […] Mozart und Mörser! / Wer hat diese Welten / vereinigt, wer hat es vermocht, wer rühmt sich?”

Mozart und Moskau

Die Nazis. Sie rühmten sich, dass sie Mozart “gegen die aus dem Osten anstürmenden Barbaren” verteidigen würden, wie Goebbels anlässlich der Nazi-Mozart-Feierei erklärte. Tatsächlich war es dann die Rote Armee, die  –  und zwar an eben jenem 5. Dezember 1941, dem 150. Todestag von Mozart  –  der anstürmenden Barbarei entgegen trat: An eben diesem Tag wurde der deutsche Angriff auf Moskau abgewehrt, der Tag markiert die Kehrtwende im Krieg.

So wurde, was Karl Kraus erahnt hatte: Sie saßen in reichsdeutschen Opern und “weinten zu der himmlischen Musik / und glaubten immer noch, es sei von Mozart, / nicht von dem Mörser …”

Gut 70 Jahre später hat Arno Hartmann der Aufführung in der Christuskirche drei kommentierende Werke voran gestellt: Mozarts Requiem ist eine nur scheinbar zugängliche Musik, sie ist schon deshalb nicht verfügbar, weil sie verfügt worden war. Der Abend nähert sich Mozart an:


LUIGI CHERUBINI
_Marche funèbre

ARVO PÄRT
_Cantique des degrés

ENJOTT SCHNEIDER
_At the Edge of Time
Reflexionen über Mozarts Requiem

WOLFGANG AMADEUS MOZART
_Requiem d-Moll KV 626

Meike Leluschko, Sopran
Marion Eckstein, Alt
Daniel Johannsen, Tenor
Joachim Höchbauer, Bass

Stadtkantorei Bochum
Bochumer Symphoniker
Arno Hartmann, Dirigent


>> KARL KRAUS, Beim Anblick eines sonderbaren Plakats (1915; ganzer Text
>> DIE ZEIT über die makabren Jubelfeiern zu Mozarts 150. Todestag in Wien 1941.