Schauerlich und engelsgleich

Maricel’s Scary Musical Night | 18. Januar

Gargoyle an der Kathedrale Notre-Dame de Paris, 2005 Florian Siebeck (cc)

Wo wohnen die Dämonen? In der Hölle und in der Luft. Das die Antwort von Thomas von Aquin, 750 Jahre her. Interessant deshalb, weil in der Luft ja nun auch die Musik beheimat ist: sehr real, sehr flüchtig, sehr intensiv.

Offenbar können beide beides sein, die Musik höllisch oder himmlisch, Dämonen schauerlich und engelsgleich. Wer die Augen hebt, stellt fest: Über Städten, in denen himmlische Musik gegeben wird, wachen tatsächlich die fiesesten Dämonen.

Man könnte sie einladen, runter zu kommen. Maricel hat das gemacht, sie lädt Dämonen, Vampire und was es sonst an Wesen gibt im luftigen Zwischenreich, zur Scary Musical Night ein.

Ein großer Spaß mit tiefem Sinn, wenn man bedenkt, welche Anstrengung es gekostet hat, Dämonen verlachen zu können: Jahrhunderte über galten sie als die Gesandten des Teufels, und der Teufel wurde gern als eine Art Gegengott gedacht.

Das ist kein biblischer Gedanke, er stammt aus der Gnosis, hat aber eine breite Spur durch christliche Theologie gezogen. Weil es eben sehr verführerisch war zu denken, man sei nicht selber verantwortlich, sondern könne auf einen zeigen, der Strippen gezogen habe.

Dieses teuflische Wesen, das verantwortlich sei für alles Böse und vor allem für einen selber, hat Augustin zu einem Nicht-Wesen erklärt: Das Böse sei keine Macht und keine Gegenmacht, sondern “die Abwesenheit des Guten”.

Allerdings gäbe es  –  da hat Augustin dem Weltbild des 4. Jahrhunderts entsprochen  –  eine Reihe “gefallener Engel”, die “im niederen Lufthimmel” umher schwirren und die Menschen verwirren würden. Wer aber kühlen Kopf bewahre, so Augustin, könne die Gaukelei durchschauen.

Augustin hat versucht, die Dämonen an die Kette der Vernunft zu nehmen, Thomas von Aquin hat sie in seine Ordnung eingemauert: Seine Welt, die des 13. Jahrhunderts, hat er sich als Pyramide vorgestellt, deren Spitze an einer Art göttlichen Haken hänge. Unten die Bauern, oben der Papst, dazwischen hatte er allem und jedem einen Platz zugewiesen.

Seine Welt war durchorganisiert wie ein Hofstaat, Dämonen stellten eine Art Hofnarren dar: Sie flatterten nur nach strengen Regeln umher, konnten erheblichen Ärger bereiten, aber niemanden zwingen, etwas zu tun, was man nicht selber wollte.

Das ganze Reglement aber nutzte nichts, als diese Welt auseinander brach. Als es  –  14. Jh.  –  nicht einen, sondern zwei Päpste gab und jeder sich fragte, warum nicht drei oder vier Dutzend. Als also die Welt vom göttlichen Haken genommen schien. Unklar mit einem Mal, wo oben ist wo unten, was wahr ist und was falsch, was wirklich und was eingebildet.

Neue Gedanken wurden frei gelassen, aber auch Dämonen von der Kette. Und eben jetzt, Mitte des 14. Jahrhunderts, kam die Pest nach Europa, jeder dritte Europäer fiel dem Schwarzen Tod zum Opfer. Unvorstellbar, dieses Sterben in kürzester Zeit, so unerklärlich, als führte der Teufel Regie.

Das Böse, das es gibt, gibt es ohne ihn

Es hat gedauert, ihn wieder auszutreiben, den Teufel. 1898 – Generationen später – erklärt beispielsweise Arturo Graf, ein deutsch-italienischer Dichter und Wissenschaftler, niemand könne oder wolle dem Teufel noch Krankheiten anlasten, nach und nach “entledigte sich unsere Zivilisation des Teufels, der ihr zu anderen Zeiten nützlich war […]; sie entledigte sich seiner, wie sie sich der Sklaverei, der Privilegien, des religiösen Fanatismus, des Gottesgnadentums und anderer Dinge entledigt hat”.

Ein zuversichtlicher Satz. Nehmen wir an, er stimmte und der Teufel sei heute  –  “Bela Lugosi’s Dead”  –  tatsächlich entledigt: Von Martin Luther ist der Satz überliefert, dass es das Lachen sei, das ihn vertreibe.

Es wäre die Pointe. Schließlich wird der Teufel heute, anders als Gott, als selber lachendes Wesen vorgestellt. Mit oft verschlagendem Lächeln, viel falscher Freundlichkeit, im Ganzen aber recht umgänglich. Ein smarter Mephisto:

Ihn entzaubern, indem man Spaß mit ihm hat, das ist die Idee. Das Böse, das es gibt, gibt es auch ohne ihn.

>> Maricel’s Scary Musical Night | 18. Januar, 19 – 22 Uhr