Drum n’ Bass n’ Dissidenz

urban urtyp #32 | Dash & Dietmar Korthals

Dash aka Steffen Korthals by Stefan Stahlschmidt (c)

In der Elektro-Szene zählt Dash aka Steffen Korthals zu den Größen des Drum n’ Bass, als DJ wird er europaweit gebucht, warum macht einer wie er jetzt was mit Orgel? Mit Kirchenorgel?

3 Gründe: Weil er es kann, weil sein Bruder es kann, und weil es nahe liegt, beides zusammen zu hören: repetitive Körpermusik und das Instrument, das nichts als Wind macht, den Hauch, den Geist. Wird das jetzt spirituell?

Sind beide Stile sowieso, wobei Drum n’ Bass  –  so wie früher Techno, Reggae, Afro-Beat  –  gerne vorgeworfen wurde, es sei alles gleich und gar nichts neu und also eher rituell statt spirituell, und sowieso würde eigentlich nur eine Maschine orgeln …

Ein merkwürdiger Vorwurf, weil ja nun auch die Orgel eine Maschine ist, und falls jemand auf die Idee käme, alle Jahresprogramme aller deutschen Staatsorchester in einen Computer einzugeben, käme auch der zu dem Ergebnis, dass zwar sehr viel bei raus gekommen ist, aber so gar nichts Neues: alles äußerst repetitiv, es wiederholt sich nur behäbiger.

Drum n’ Bass hat sich beim Wiederholen aufs kurze Intervall verlegt, das macht den Unterschied. Der Effekt, der dadurch entsteht: Musik wird körperlich. Der eigene Körper hört und antezipiert, was er hört und nimmt die Musik körperlich vorweg, am Ende ist nicht mehr klar, wer hier auf wen reagiert und ob die Körper es sind, die den Sound auslösen oder der Sound die Körperbewegung.

Was so entsteht: gesteigerte Aufmerksamkeit für die geringste Abweichung, für die kleine Dissidenz im Muster. Und was sich aus Dissidenz alles entwickeln kann … das Wort wurde im 16. Jahrhundert geprägt, es benannte die Protestanten, die sich im katholischen Polen politische Rechte erstritten hatten … was ich sagen will, es gibt Grund, auf Dissidenzen zu achten, sie bergen Sinn. Dietmar, der Bruder von Dash:

“Steffen tickt so wie ich, er hat nur ein anderes Terrain. Der musikalische Flow ist da.”

Dietmar ist Organist und Komponist, er hat in Bochum Musikwissenschaft studiert und ist derjenige, der improvisieren wird: Während Dash  – 

kleiner Einschub: wie jeder bessere DJ ist Dash auf eigenen Wegen ans Pult gelangt, das Juicy Beats hat ihn seit Jahren fest gebucht, und die Liste der Clubs, in denen er als Resident-DJ gearbeitet hat, liest sich wie das BestOf der Szene: Club Trinidad, Suite023, das Domicil, Club Baikonur, der Goethebunker, auf größeren Events legt er zusammen mit Klaus Fiehe von EinsLive auf, der lebenden weil auflegenden Begründung für alle Rundfunkgebühren  – 

während also Dash an seinen Plattentellern steht und die kommende Welt der nächsten Viertelstunde absteckt, sitzt Dietmar am Orgeltisch und improvisiert: Körper trifft Wind, der Körperpuls auf Luftimpulse, der deepe Bass auf seinen ähnlich tiefen Sinn.

Das haben die beiden, rund 2300 Jahre nach Erfindung der Orgel, erst einmal in ihrem Leben gemacht, dieser Tage proben sie bei uns, wir wissen auch nicht, was passiert, wir wissen jetzt, was nicht passieren wird:

Es wird kein Bach mit Beats getunt, es gibt kein Dieter Falk celebrates J. S. Bach und keinen J. S. Falk, dereinen Dieter Bach zerlegte usw. Bei den Korthals-Brüdern wird nicht ausgeschlachtet, es ist nicht einmal klar, ob nicht am Ende wir selber es sein werden, deren Körper die Musik auslöst.


>> 12. Januar, 19 Uhr, wie immer nur 10 Euro