Carl Peters Wünsche

“Deutsch sein und schwarz dazu” | Teil 3

„German troops fight the Herero“: Painting by Richard Knötel circa 1904. published 1936

Hagenbeck war sicherlich, was wir heute einen Rassisten nennen, auch Fabri war einer, Zitat:

“Alle Kolonialpolitik hat zur Voraussetzung, dass eine höher entwickelte Rasse über niedriger stehende Völkerschaften die Herrschaft sich aneignet” 

Aber selbst das war nur eine Art von Salon-Rassismus, er blieb, um Hannah Arendt zu zitieren,

“im Rahmen der zahllosen freien und unverantwortlichen Meinungen, die sich bekämpften und miteinander argumentierten, um die Zustimmung immer größerer Teile der öffentlichen Meinung an sich zu reißen. Diese Meinungen sind noch keine Ideologien … sie sind noch recht weit davon entfernt, sich auf ein einziges Element, eine einzige willkürliche Behauptung so zu konzentrieren, dass aus ihr dann alles andere einfach auf dem Wege der Schlussfolgerung gefolgert werden könnte.”

Voraussetzung dafür, dass eine bloße Meinung zur Ideologie werden kann, ist, schreibt Arendt, dass sie sich

“auf genügend Erfahrungsmaterial stützen kann, um plausibel zu erscheinen”.

Willkür muss wirklich werden. Diese Wirklichkeit haben Leute wie Carl Peters ins Werk gesetzt: Er tat, was andere texteten, er hat sich “Deutsch-Ostafrika” zusammengeraubt, das heutige Ruanda, Burundi und Tansani:

“Ich besaß demnach persönlich zeitweilig die Hoheitsrechte über 5 -6 mal den Flächenraum des Deutschen Reiches.”

Auch Peters bemühte, um seinen mörderischen Feldzug zu begründen, die höchsten Werte, den Jargon seiner Zeit beherrschte auch er. Seine eigene Motivlage allerdings beschrieb der Gymnasiallehrer damit,

“dass ich es satt hatte, unter die Parias gerechnet zu werden, und dass ich einem Herrenvolk anzugehören wünschte.“

In Europa blieb ihm, dem Aufstiegswilligen, dieser Wunsch unerfüllt, umso mehr wurde ihm Afrika zum Versprechen: Im selben Jahr, in dem Hagenbeck seine erste “Völkerschau” zeigte, hat man in Südafrika die erste Goldmine entdeckt, Berichte über weitere Gold- und Diamanetenfunde breiteten sich in Europa aus. Und erreichten die, welche sich hier  –  im rapiden Wandel der agrarischen Welt zur Industriegesellschaft  –  als Parias wiederfanden, als Außgestoßene. Für sie, die “Deklassierten aller Klassen”, wurde Afrika zur Traumfabrik, zum neuen Hoffnungsbild. Hannah Arendt:

“Der perfekte Gentleman und der vollendete Schurke trafen sich in diesem ‘weiten wilden Dschungel ohne Gesetze’, und je besser sie sich kennenlernten, desto überzeugter waren sie, dass sie ‘gut zueinander passten …’”

In den Kolonien nämlich konnten sie lernen, dass es möglich ist, sich selber, der eigenen Verschiedenheit zum Trotz, neu zu gruppieren, sich als “Rasse” zu konstituieren, als “Herrenvolk”.

Voraussetzung dafür ist, eine willkürliche Grenze zu ziehen und die Wirklichkeit entlang dieser Grenze zu modeln: drinnen oder draußen, oben oder unten, helle oder dunkle Haut. Arendt:

“Der Unterschied zwischen dem, was in der schemenhaften, halb irrealen Welt der Kolonien, und dem, was in Europa vor sich ging, war nur, dass es in Europa einige Jahrzehnte brauchte, die ethischen Standards der Gesellschaft zu zerstören, während hier alles mit der Geschwindigkeit eines Kurzschlusses ablief.”

In Europa allerdings standen der perfekte Gentleman und der vollendet Schurke  –  Peters verkörperte sie beide  –  vor dem Problem, dass sich mit einer colour bar kein “Herrenvolk” versammeln lässt. Hier musste ein anderes Kriterium gefunden werden, damit man sich als “Herrenmensch” abheben konnte:

Die Nazis, die sich “Braunhemden” nannten  –  die SA hatte Restbestände der Uniformen aufgekauft, die ursprünglich für die Kolonialtruppen gemacht waren  –   und die ihre Killer-Elite in tiefschwarze Uniformen packte, diese Nazis bekämpften nicht das, was braun sei oder schwarz, sondern etwas, das sie nicht sehen konnten, “den jüdischen Geist”.

Für alle, die sie ins Visier nahmen, bedeutete dies einen entscheidenden Unterschied, den zwischen Leben und Tod. Der antisemitische Hass und der rassistische sind nicht derselbe: Rassismus will herrschen, Antisemitismus vernichten. Theodor Michael hat dies präzise formuliert:

“Man tötete uns nicht, man ließ uns aber auch nicht leben.”

Theo­dor Michael liest zum Tag der Befreiung von Auschwitz.