Keine Helden mehr außer uns selbst

Christian Alexander Müller besingt Helden. Nicht Odysseus & Co, es sind die unserer Kindheit.

Trafalgar Square, London: „Powerless Structures“ by Elmgreen & Dragset | Foto muffinn (cc)

Schwieriges Thema, das Christian Alexander Müller sich ausgesucht hat, der Musical-Star singt über Helden. Schwierig zunächst, weil:

„Wer Held sagt, sagt automatisch Tod, genauer: Mord.“

Sagt Christian Schneider. Weil:

„Der klassische Heros setzt das Tötungsverbot außer Kraft.“

Darum geht es Müller natürlich nicht, nicht um Gestalten wie Hektor oder Achill,  er besingt Helden, die unsere Kindheit in Glanz und Glück getaucht haben. Auch da wurden Blutbäder eingelassen, sicher, das Kinderzimmer schwamm, aber es gibt einen großen Unterschied zwischen Homers Heroen und Müllers Helden  –  das, was auch Odysseus und Ödipus unterscheidet.

Eine tolle These, sie ist von Christian Schneider und geht so:

Achill, wie ihn Homer in der Ilias gemalt hat, ist sowas wie das Urbild eines Helden: Er tötet, um die Gemeinschaft zu erhalten. Dafür wird er vom Publikum besungen. Den Kampf muss er, um besungen zu werden, nicht notwendig gewinnen, um Held zu werden genügt, dass einer tut, was ein Mann tun muss:

„Wann haben die Homerischen Helden Gefühle? Wenn ihnen ein Kamerad stirbt oder wenn ihnen ein Unrecht geschieht: eine Trophäe nicht gewährt, ihnen Anerkennung versagt wird. Ihre kriegerischen Bluttaten reflektieren sie nie.“

Auch Odysseus nicht. Der Held des listigen Tötens, der alles Mögliche reflektiert, um effektiv töten zu können, verweigert die Reflektion, sobald es darum geht, Distanz zu den eigenen Taten zu gewinnen:

„Er mag sein Schicksal bedenken, nicht aber seine Taten. Der Erste, der in seiner eigenen Tat eine Untat erkennt, ist Ödipus.“

Zur Erinnerung: Ödipus hatte seinen Vater ermordet und mit seiner Mutter Kinder gezeugt, wobei ihm erst später klar geworden ist, wer eigentlich sein Vater war und seine Mutter ist.

Ödipus ist der Held, der von seiner Tat eingeholt wird, der nachträglich Tat und Bewertung zu trennen lernt. Er ist der erste Vollstrecker einer Gewalttat, der über sie nachdenkt und retrospektiv ein Gefühl mit ihr verknüpft. […] Er selbst wird, von seiner Tat eingeholt, zu einem schmerzhaften Prozess der Selbstreflexion gezwungen, an deren Schlusspunkt die Anerkennung der Erkenntnis steht, die ihm der blinde Seher Teiresias vorgehalten hatte: ‚Der Mörder, den du suchst, bist du.‘

Ein „neuer Typ des Helden“. Schneider schlägt den Bogen ins 20. Jahrhundert, ins post-heroische Zeitalter:

Die letzten, die in Deutschland ganz naiv als Helden gefeiert wurden, waren die Soldaten des Ersten Weltkriegs.“

In der Christuskirche haben wir ja eine „Helden-Gedenkhalle“, eine Erinnerung an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. Nach dem Zweiten war es dann mit jeder Naivität vorbei:

„Die fünfziger Jahre sind noch voll von heroischen ‚Landser‘-Heftchen, gewissermaßen Kriegshelden-Comics, und Hymnen auf die sauberen Wehrmachtssoldaten. Die historische Zäsur von 1945 ist psychisch letztlich erst mit 1968, dem Aufbegehren der Söhne und Töchter dieser Soldaten, vollzogen worden. Wir haben, ich darf da in erster Person reden, unsere Väter nicht als heldenhafte Vaterlandsverteidiger sehen können, sondern eher mit der Vorstellung gelebt, sie seien Mörder.“

Nicht alle waren Mörder. So der Titel der Erinnerungen, die MICHAEL DEGEN vor einigen Jahren veröffentlicht hat: Seinen Vater hatten die Nazis ermordet, der 11jährige tauchte zusammen mit seiner Mutter Anna in Berlin unter. Sie überleben, weil sie von Freunden versteckt wurden und von Fremden:

„Leitfiguren der Menschlichkeit“

hat Degen sie genannt, stille Helden. Still deshalb, weil sie, wenn überhaupt, nur leise besungen werden.

Womit sich ein Bogen schließt zu Christian Alexander Müller und den „Heroes“, die in der Musical-Welt wohnen: Die Helden, die Müller besingt, sind die Helden unserer eigenen Kindheit, es gibt jetzt – unter den Bedingungen einer Demokratie – keine anderen mehr außer uns.


Zum Foto

Powerless Structures von Elmgreen und Dragset

Der Trafalgar Square in London. In der Mitte ein Denkmal für Admiral Nelson, 51 Meter hoch. An den vier Ecken vier Postamente, darauf zwei Standbilder und ein Reiterstandbild. Generäle, Könige, Heroen, alles 19. Jahrhundert. Das vierte Postament ist leer, das Geld war ausgegangen.

Seit 1999 wird der Sockel  –  England, du glückliches Land  –  für temporäre Ausstellungen genutzt, von 2012 bis Sommer 2013 stand dort oben ein Schaukelpferd mit einem kleinen Jungen darauf. In Bronze gegossen wie die Helden vom Sockel nebenan.

Das Kunstwerk stammt von dem dänisch-norwegischen Duo Michael Elmgreen und Ingar Dragset.