Fado, Freude, Freiheit

Cristina Branco und ein dramatisch-demokratischer Fado

Cristina Branco (c)

Zwei Studenten in einer Kneipe, sie stoßen auf die Freiheit an, werden verhaftet und zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt.

Die Geschichte spielt 1960 in Lissabon, Salazar, der Diktator, sitzt fest im Sattel – ein paar Jahre später fällt er im Wortsinn vom Stuhl, das hätte Chaplin nicht besser erfinden können, und in London liest ein junger Anwalt von dem Urteil gegen die beiden Studenten:

Peter Benenson veröffentlicht einen Aufruf im OBSERVER  – 

“Open your newspaper any day of the week and you will find a report from somewhere in the world of someone being imprisoned, tortured or executed because his opinions or religion are unacceptable to his government”  – 

30 Zeitungen weltweit drucken den Aufruf nach, so wurde AMNESTY INTERNATIONAL gegründet. Wozu Portugals Kneipen gut sind.

Fado ist Kneipen-Musik, in einer Diktatur sind Kneipen Ersatz für Öffentlichkeit, ein Auswärtsspiel fürs Regime, und der Fado  –  die Ode ans Schicksal  –  wurde lange Zeit unter den Bedingungen von zwei Diktaturen geformt.

Das Moment der Ergebenheit, der tragischen Wehrlosigkeit gegenüber einer Übermacht, sei es Liebe oder Tod oder Verlassenheit, es kommentierte immer auch die politische Wirklichkeit.

Als das Militär-Regime 1974 endlich gestürzt werden konnte, war Cristina Branco zwei Jahre alt. Für Fado hat sie sich nicht mehr sehr interessiert, vielleicht war die Musik systemlos geworden, überflüssig. Erst mit 18 entdeckte sie die große Stimme von Amália Rodrigues  –  und die Freiheit, die darin liegt, den Fado zu atmen, ihn in eine demokratische Wirklichkeit zu überführen.

Heute ist Cristina Branco eine der drei großen Fado-Stimmen Portugals, “die erstaunlichste Erscheinung unter den Neo-Fadistas”, wie Funkhaus Europa meint:

“Ihr fehlt das Geheimnisvolle, Fetischhafte von Mísia, auch die explosive Divenhaftigkeit von Mariza. Sie steht für eine fast mädchenhafte, innerliche Variante des neuen Fado, verfügt über eine äußerst warme, nicht zu übermäßigem Pathos neigende Stimme. Die Schwermut des Genres wird transparent aufgelockert mit spielerischen Sprüngen zwischen den Stilen.”

So auch in ihrem jüngsten Werk Alegria. Keine Ode mehr, die sich ans Schicksal wendet, stattdessen ein Fado an die Freude. Und das mitten in der Wirtschaftskrise und ihr zum Trotz:

In Alegria erzählt Cristina Branco Geschichten aus dem Alltag, dem dramatischen, dem demokratischen.