Unmap

Pop stellt wieder Ansprüche, endlich. Ein urban urtyp-Konzert

Unmap by Andrea Huyoff | (c) sinnbus

Es ist nicht viel, aus dem sie vieles machen. Tatsächlich, erzählt Mariechen Danz, Irin aus Berlin und international renommierte Künstlerin,

“waren die ersten Performances, die ich gemacht habe, vocal based, da habe ich vor meinen Zeichnungen gestanden und versucht, die Stimmen zu artikulieren für die Figuren, die ich gezeichnet hatte  –  ohne Wörter, mit Lauten, mit Geräuschen, die die Funktion der Organe artikulieren sollten.”

Klassischer Schöpfungsakt, die Beseelung einer Form, ihre Besingung. Oder wegen mir: ihre Bestimmung:

“War ein langer Weg bis zur Sprache und zur Pop-Sprache …”

Auf diesem langen Weg ist vor einigen Monaten Unmap entstanden, die Zusammenarbeit von Mariechen Danz mit Alex Stolze, dem Kopf von Bodi Bill. Eine Kollaboration von Kunst und Musik, von Stimme und Violine, von Sprache und Programming. Musik aus einem rätselhaften Dunkel, die einen in sich hinein zieht, ohne mystisch zu tun. Kammerpop, Dub-Beats, unterkühlte Sounds … dazu die sprechgesungenen Texte von Mariechen Danz:

“Mein Interesse war zu versuchen, die Sprache des Pop – die Ich-Produktion: Ich leide, ich liebe usw. – diese Vagheit und unspezifische Sprache zu nutzen, um über andere Themen zu sprechen, über Macht, Hierarchien, Zugang zur Geschichte.”

Sie tut es, dennoch werden die Songs zu keiner kunstakademischen Erklärung, sondern selbstständig. Sie bewegen sich unbeaufsichtigt ins Ohr, das Debüt von Unmap wurde hoch gelobt [“der Klang sehr international“, schrieben sie in der SZ: „Berlin pulst neu weiter, gut so”]:

“Reduzierter, basslastiger Post-Pop”

nennt Alex Stolze selber seine Musik,

“elektronischer Kammerpop”.

Interessant, was er, der mit Bodi Bill schon einmal erfolgreich durch den Musikmarkt gepflügt ist, jetzt über die Begegnung mit der bildenden Kunst erzählt:

“Man lernt vor allem von dem Diskurs, der bei der Kunst vor dem Machen steht. Bei Pop wird gerne erst gemacht und dann nachgedacht. Ich habe die Kunst als hartes Pflaster erlebt. Jedes Bild ist belastet, alles wird hinterfragt, alles hat eine Bedeutung … Das habe ich in der Popmusik ein bisschen vermisst, wo Platitüden immer wieder abgefahren werden. Hell, dunkel, ich liebe dich, du liebst mich nicht. Unser Album hat ein einfaches Format, eine große Zugänglichkeit, aber es offenbart eine Tiefe, die durch Auseinandersetzung entstanden ist.”

Der entscheidende Punkt dabei: Es ist die Musik, die jetzt diese Tiefe ausmisst, es ist nicht der Diskurs über sie. Musik schafft sich selber das Bedürfnis nach Sinn [das Label von Unmap ist, wie könnte es anders sein, Sinnbus]. Und zwar je mehr gemixt und gerührt und gesampelt wird. Anders lassen sich Kritiker-Sätze wie diese über Unmap nicht erklären:

“Die Erlaubnis, selber zu denken, füllt die Lunge mit Luft, und man traut sich endlich wieder befreit auszurufen, dass Kunst wichtig ist. Dass man jetzt wieder ein Gefühl für ihren Sinn hat.”

Das ist pathetischer formuliert, als Unmap je spielen würde, trifft aber einen Punkt: dass wir, wenn wir Pop-Musik hören, immer weniger bereit sind, ihr einen Sinn zu unterstellen. Weil immer alles auch anders sein könnte, anders gesampelt, anders programmiert, anders gewürfelt. Gefühl für Sinn heißt, der Sinnlichkeit Sinn zuzutrauen und dass jeder Ton einen Grund haben könnte. Eben das, was Alex Stolze “Tiefe” nennt.

» Sonntag, 13. April, 19 Uhr | Ein urban urtyp-Kon­zert, d.h.: immer sonn­tags, immer 19 Uhr, immer nur 10 Euro