Friede den Eisdielen

Katatonia - und was nichts mit Katatonia zu tun hat

Caspar David Friedrich, Das Eismeer. Öl auf Leinwand, 126,9 x 97,6 cm | Bildarchiv Foto Marburg (cc)

Katatonia-Konzert fast ausverkauft, gibt nicht mehr viele Karten. Was wiederum Gelegenheit gibt, über das zu schreiben, was sie nicht machen: Sie phantasieren sich in kein Ewiges Eis hinein.

In der Dunkel-Musik ist die Eis-Metapher  –  Eismeere, Eiswelten, Eisfrauen, Eisfeen  –  im Durchschnitt schwer beliebt, da werden Eispaläste wie Reihenhäuser entworfen. Nicht nur in nördlichen Gefilden, auch in diesen Breitengraden, und das hat mich immer etwas gewundert: Eis? War das nicht, was die 6. Armee eingedampft hat?

In Stalingrad jedenfalls sind mehr Germanen den Kälte- als den “Heldentod” gestorben. Auch der Winter ein Jahr zuvor sprang nicht zimperlich mit ihnen um, sie erfroren vor Moskau. Dass sie da nichts zu suchen hatten und ihr Krieg keiner war, sondern Kriegsverbrechen, muss ich hier keinem erklären  –  kann mir jemand erklären, warum es Bands gibt, die vom Eis schwärmen?

Wen wollen sie damit wohin locken? Vor zwei Jahren haben russische Forscher in der Antarktis knapp 4 Kilometer unterm Eis einen See entdeckt und angebohrt, den Wostok-See. Seitdem dringen Gerüchte an die Oberfläche, Hitler nebst Eva seien, von einem U-Boot angeliefert, dort unten tiefgefroren.

Bofrost für Nazis, ob das eine plausible Paradies-Vorstellung wird? Adamadolf und Evaeva, die zusammen ganz von vorn beginnen? Über ihnen Tausendtonnen Eis, vor ihnen 3 1/2 Milliarden Jahre, die aber sind ihnen wie das Reich, das gestern vergangen ist …

Mittelfristig gesehen ist das nicht überzeugend. Man muss wohl in freudsche Feuchtgebiete ausweichen, um zu erklären, warum sich vitale Wesen lieber im Zustand des Schockgefrorenseins vorstellen als nackt und entspannt im Garten Eden. Runen und Mythen und Met, diese ganze Waldschrat-Lyrik hat ja, bei aller Verschrobenheit, noch mit örtlicher Flora und Fauna und einer gewissen Behaglichkeit zu tun – die letzte Eiszeit auf germanischem Boden mit richtiger Vergletscherung und allem liegt dagegen 11.700 Jahre zurück. Das sind mehr als 11 x 1 Tausendjährige Reiche, worauf hoffen?

Es gab mal eine Situation, die vergleichbar scheint: 1812 war Napoleon in den russischen Winter gelaufen und seine Armee im Eis erfroren. Auch damals gab es eine ästhetische Reaktion auf das Desaster, die Romantik. Sie entdeckte die Kälte als Sehnsuchtsort: als etwas, das sowohl anzieht wie abstößt, das in die Sehnsucht schlägt und in die Furcht.

Ringsum wurde damals die Welt von der Aufklärung erwärmt wie von der Sonne  –  enlightenment, Siècle des Lumières: die Lichtmetapher stand für Wärme  –  und mittendrin blieb einer Seele, die sich selber romantisch entwarf, kein anderer Ort, an den sie fliehen könnte außer ins Eis.

Die Eiswüste als Sehnsuchtsort, darin der einsam Eine: kalt und hehr, sauber und rein. Die Eis-Metapher gehört in den Wostok-See.