Die Stadt als Text: Warschau 1945

70. Jahrestag des Warschauer Aufstands

Warschau 1945 | (cc) Polish Press Agency

Im April starb Tadeusz Rózewicz. Gemeinsam mit den Kosmopolen haben wir ihm einen Abschied bereitet, seine Gedichte lassen nicht los. Er hat, nachdem alles erschlagen war und vergast, die Trümmer einer Sprache aufgelesen, die keinen Sinn mehr barg.

Wörter wie Bruchstücke, die sich zu keiner Erfahrung zusammen setzen ließen, Sätze wie Straßenzüge in Warschau. Warschau 1945: eine Anreihung leerer Fenster, leerer Höhlen, abwegiger Wege.

„das ist ein fenster sagte ich / das ist ein fenster“, die Stadt als Text.

Rózewicz hatte am Warschauer Aufstand teilgenommen, der heute vor 70 Jahren, am 1. August 1944 begonnen hatte. 

Am Ende, nach den Massakern der Deutschen, dem Tod Hunderttausender, der Zerstörung der Stadt  –  am Ende, nach der Befreiung durch eine Rote Armee, die Polen erst zu Hilfe kam, als alles niedergewalzt war  –  am Ende gab es kein Ende, es war

„Nach dem ende der welt / nach dem tode“.

Nach Auschwitz. Lasse sich kein Gedicht mehr schreiben, hat Adorno über eine Erschütterung gesagt, die auf den Grund der Sprache reicht. Seitdem führen Dichter deutscher Sprache ihre Anthologien im Triumphzug durchs Dorf: Seht doch, geht doch!

Es ist, vornehm gesprochen, peinlich. Denn dass wir heute überhaupt sprechen können und Sprache finden für das, was wir empfinden, verdanken wir denen, die nach dem ende der welt / nach dem tode die zerschossenen Wörter zusammen gesucht und versucht haben, ihnen neues Leben einzuhauchen. Oder altes Leben, irgendeine Gegenwart:

IN DER MITTE DES LEBENS

Nach dem ende der welt
nach dem tode
fand ich mich in der mitte des lebens
ich schuf mich neu
ich baute leben
menschen tiere landschaften

das ist ein tisch sagte ich
das ist ein tisch
auf dem tisch liegt das brot das messer
brot ißt der mensch

menschen muß man lieben
lernte ich tag und nacht
was muß man lieben
ich antwortete menschen

das ist ein fenster sagte ich
das ist ein fenster
hinter dem fenster der garten
im garten sehe ich einen apfelbaum
der apfelbaum blüht
die blüten fallen
früchte schwellen
reifen

mein vater pflückt einen apfel
dieser mensch der den apfel pflückt
ist mein vater

ich saß auf der schwelle

diese alte frau
die eine ziege zieht an der leine
ist wichtiger
und kostbarer
als die sieben wunder der welt
wer meint und fühlt
sie sei überflüssig
ist ein mörder

das ist ein mensch
das ist ein baum das ist das brot

die menschen essen um zu leben
wiederholte ich bei mir
das menschenleben hat großes Gewicht
der wert des lebens
übersteigt den wert aller dinge
die der mensch geschaffen
der mensch ist ein großer schatz
wiederholte ich hartnäckig

das ist wasser sagte ich
ich glättete mit der hand die welle
und sprach mit dem wasser
wasser sagte ich
gutes wasser
ich bin es
ein mensch sprach zum wasser
sprach zum mond
zu den blumen zum regen
er sprach zur erde
zu den vögeln
zum himmel

der himmel schwieg
die erde schwieg
wenn er eine stimme vernahm
die aus erde wasser und himmel
kam
so war es die stimme eines anderen
menschen

Tadeusz Rózewicz [1921 – 2014]