It’s the religion, stupid?

Über Terror und Religion, den Zweifel und die Unersättlichkeit des Bösen

Bagdad 2007 | Foto (cc) Jim Gordon

Dschihadist aus Dinslaken”, vor kurzem noch hätte man so eine Zeile für einen Funny-van-Dannen-Song gehalten, jetzt liest man, es seien ein paar Tausend Europäer, die ein paar Tausend Kilometer reisen, um an gottverlassenen Orten einen “Märtyrertod” zu suchen.

Und die Religionskritik?

Sortiert sich die Welt entlang just jener Götter, von denen sie eben noch dachte, dass es sie nicht gibt. Weit hinter der Türkei schlagen sie aufeinander ein? It’s the religion, stupid. Im Orient schlachten sie einander ab? Steht so im Koran. In Afrika toben Kämpfe? Auch irgendwie religiös gestimmt, das Gemetzel. Unterm Strich: Nirgends kein Schöpfer, aber die Kriege, die hat er gemacht.

Hier eine andere These: Was die Gewalt befeuert, ist nicht der Glaube, sondern der Zweifel an ihm.

„Die Unverbindlichkeit des Heilsversprechens“

Zur Begründung ein Blick an die “Grenzen der Aufklärung”, so haben HORKHEIMER/ADORNO ihre Analysen des Antisemitismus untertitelt. Die verschiedenen Elemente, die sie beschreiben, ergeben keine geschlossene Theorie, machen aber gerade deshalb deutlich, wie wandlungsfähig das antisemitische Weltbild ist:

Links-deutsch gesprochen ist es die fortgeschrittenste Form falschen Bewusstseins, immer auf der Höhe der Zeit. Darin aufgehoben immer auch Religion, der Gedankengang von Horkheimer/Adorno geht so:

Wie alles Denken ist Religion ein Risiko  –  man kennt den Weg, kann aber nicht sicher sagen, ob es das Ziel überhaupt gibt. So unverbindlich das Ziel, so ungewiss der Weg dahin. Das macht die Schönheit des religiösen Denkens aus: keiner ist nie angekommen, nichts ist nie vollendet, der Zweifel Zwilling des Glaubens.

Just hier aber, in dieser “Unverbindlichkeit des geistlichen Heilsversprechens”, die immense Kreativität frei setzen kann, just hier orten Horkheimer/Adorno den “religiösen Ursprung des Antisemitismus”.

Warum? Weil es Juden gewesen sind, die den Zweifel verkörpert haben: Jüdische Theologie hat diejenigen blamiert, die Menschenopfer dargebracht haben  –  noch in der Antike waren das so ziemlich alle  –  und hat dann, den Christen gegenüber, so reagiert wie ein chassidischer Rabbi Jahrhunderte später:

Als das Gerücht aufkam, der Messias sei gekommen, trat er ans Fenster und sah hinaus  –  “Da ist keine Erlösung.”

Diesen Zweifel am versprochenen Heil nennen Horkheimer/Adorno das “jüdische und negative Moment in der christlichen Doktrin”, es ist die Kritik der Religion in der Religion.

Diejenigen aber, und das ist der Punkt, die solchen Zweifel verdrängten und

“mit schlechtem Gewissen das Christentum als sicheren Besitz sich einredeten, mussten sich ihr ewiges Heil am weltlichen Unheil derer bestätigen, die das trübe Opfer der Vernunft nicht brachten. Das ist der religiöse Ursprung des Antisemitismus.”

Und es ist die Gedankenfigur, die Horkheimer/Adorno für ihre Analyse nutzen: Es geht um den Zweifel im eigenen Kopf, um den sich selber nicht gewissen Glauben. Im frühen Christentum war es, um die eigene Seligkeit anschaulich bestätigt zu sehen, daher entscheidend, die Juden zu erniedrigen, sie aber am Leben zu lassen.

Horkheimer/Adorno nutzen nun aber dieselbe Gedankenfigur auch dafür, sich “die organisierten RaubMÖRDER” zu erklären, die Nazis:

Auch hier, sagen sie, waren die, die von hohen Dingen gefaselt haben, kaum angetrieben vom Glauben an höhere Werte und höherwertige Rassen, wohl aber von der bösen Ahnung, dass alles nichts nützt. Es wusste doch jeder, der denken wollte, dass es nichts werden würde mit Weltherrschaft und alledem:

“Die Tat wird wirklich autonomer Selbstzweck, sie bemäntelt ihre eigene Zwecklosigkeit.”

„Aber es gibt keine Antisemiten mehr“

Glauben wollen, es aber nicht können: Horkheimer/Adorno nehmen diese Gedankenfigur auch im letzten Abschnitt ihrer “Elemente des Antisemitismus” auf, das ist der, der mit dem Satz eröffnet “Aber es gibt keine Antisemiten mehr”. Soll heißen:

Der Hass hat sich abgelöst von jeder konkreten Erfahrung, von jedem greifbaren Grund, er ist abgekühlt. Was er hasst, muss er sich allererst erschaffen und darum auch die Gründe, warum er etwas hasst.

Die Gründe werden nachgeschoben, es sind die Trümmer der alten Ideologie – “Kindermörder”, “Agenten des Imperialismus”, “Weltverschwörung”, “jüdischer Rachegott”, “Jüdische Wall Street” und dgl. Das “Fundament”, das im fundamentalistischem Hass entsteht, ist zusammen geklaubt aus Bruchstücken, die – längst zerlegt von der Kritik und eigener Einsicht – zurückgelassen worden sind. Eben dies befeuert den inneren Konflikt:

“Als bereits zersetzte schaffen sie dem Neo-Antisemiten das schlechte Gewissen und damit die Unersättlichkeit des Bösen.”

Es ist der Zweifel, der die Wut nährt, er muss beständig niedergeschlagen werden. Die neo-religiösen Schläger, ob sie “Juden jagen” oder “Fidschis klatschen”, treibt eben kein gutes Gewissen an, sondern ihr schlechtes.

„Wie lässt sich der Zweifel im eigenen Kopf besänftigen“?

Und dieses Phänomen  –  dass Ideologie das ist, was man nicht glauben kann, es aber will  –  durchläuft derzeit eine weitere Veränderung, die hat mit Globalisierung zu tun, mit der freien Zirkulation auch von Ideen. Wie eingangs der Religionskritik liegen hier wieder die ganze Schönheit freien Denkens und sein Absturz beieinander.

Kurzer Schwenk zu OLIVIER ROY:

Der französische Politikwissenschaftler hat untersucht, wie sich unter den Bedingungen der Globalisierung “die Beziehungen zwischen Religion und Kultur neu ordnen und was das für unser Verständnis des Religiösen bedeutet”. Seine These: Religion, die frei zirkuliert, löst sich ab von der Kultur, in die sie eingebunden war, von ihrer Einbettung in Alltagserfahrung. Sie erscheint als etwas Reines, ein “rein Religiöses”, an keine Orte, Vollzüge, Diskurse gebunden, darum als etwas, das “außerhalb des Wissens zirkuliert” in einem Raum,

“der nicht mehr territorial und damit nicht mehr der Politik unterworfen ist”.

Roy hat diese These am Beispiel der Konversionen entwickelt, der Wanderbewegungen zwischen den Religionen, einem neuen und durchaus rätselhaften Phänomen [“Warum wollen Zigtausende Muslime in Mittelasien Christen oder Zeugen Jehovas werden?”].

Vor allem aber eine Headline wie “Dschihadist aus Dinslaken” gibt Roy recht  –  der dieses Phänomen übrigens beharrlich mit der RAF vergleicht  –  wenn er sagt, dass eine religiöse Überzeugung mehr als je zuvor das “Ergebnis individueller Entscheidung” ist, und das bedeutet:

Die individuelle Freiheit, die sich durch Globalisierung und Internet eröffnet, kann den intrinsischen Stress massiv erhöhen. Es geht ja nicht um Seifen, sondern um Sinn, die Fragen werden quälender:

Wenn man sich entscheiden kann, muss man es dann nicht tun? Und wenn man sich entschieden hat, war die Entscheidung richtig? Hält sie Widersprüchen stand, hält sie Widersprüche aus, wie lässt sich der Zweifel im eigenen Kopf besänftigen? Islamismus, die Terror-Religion, hält hier die ultimative Besänftigung bereit, den Suizid.

Das muss man sich einfach klar machen: Diese Form von Religion  –  oder, um Roys Vergleich mit der RAF aufzunehmen: diese Form von Ideologie  –  ist extrem selbstbezüglich. Je lauter solche Leute einen Gott anbrüllen, der größer sei, umso lauter die Stimme in deren Kopf, “das schlechte Gewissen und damit”, so Horkheimer/Adorno, “die Unersättlichkeit des Bösen.”

Womit, etwas unerwartet, am Ende der Religionskritik eine elementar religiöse Vorstellung  –  das Böse  –  steht und die Möglichkeit der Freiheit auf dem Spiel, aber das ist ein anderes Thema.


>> Gastbeitrag für RUHRBARONE.de, zuerst veröffentlicht am 14. Aug. 2014