Ungläubiges Staunen

Navid Kermani liest | 9. Dezember

Ein politischer Intellektueller, seine Reden zeigen Wirkung. Was er über Europa sagt, übers Asylrecht, über Religion und Frieden und Krieg, wird in den großen Feuilletons diskutiert. Kermani belehrt nicht, er setzt Denken in Bewegung.

Weil er etwas voraus setzt, das der verwalteten Welt abhanden kam: Schönheit. Eine Kategorie, die zwischen Dschungelcamp und Schönheitsfarm zerrieben wird, Kermani bringt sie in den politischen Alltag zurück  –  die Idee, dass Schönheit ein Abglanz der Wahrheit sei.

Das Grundgesetz jedenfalls hat Kermani dem Bundestag durch dessen “literarische Qualität” erschlossen, es sei ein “bemerkenswert schöner Text”. Ein Text, der nur, weil schön, wirkmächtig werden konnte:

“Im deutschen Sprachraum vielleicht nur mit der Luther-Bibel vergleichbar, hat das Grundgesetz Wirklichkeit geschaffen durch die Kraft des Wortes.”

Den Islam wiederum erkennt Kermani  –  so in seiner Rede, mit der er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen nahm  –  in dessen Poesie und einer ästhetischen Kultur, die verschüttet liegt, der islamischen Architektur, Kunst, Musik …

„es gibt sie nicht mehr.“

Woraus er Schlüsse zieht, seine Liebe fürs Schöne fließt über ins politische Denken:

“Oft ist zu lesen, dass der Islam durch das Feuer der Aufklärung gehen oder die Moderne sich gegen die Tradition durchsetzen müsse. […] Vielleicht ist das Problem des Islams weniger die Tradition als vielmehr der fast schon vollständige Bruch mit dieser Tradition, der Verlust des kulturellen Gedächtnisses, seine zivilisatorische Amnesie.“

Bei uns liest Kermani jetzt aus seinem neuesten Buch “Ungläubiges Staunen”, in dem er sich der Ästhetik des Christentums annähert.

Genauer: der Ästhetik eines katholischen Christentums und dessen Bildersprache, die protestantische Konzentration auf Wort und Musik fällt vorerst unter seinen Tisch. Sei’s drum, entscheidend auch hier, dass er die Kategorie der Schönheit rehabilitiert  –  die Idee, dass Sinn entsteht, wenn man den Zweck übersteigt.

Eine Idee, die sich in Kirchen spiegelt. Die Schönheit von Kirchenräumen  –  und die ihrer Plätze, dem öffentlichen Raum vor dem öffentlichen Raum  –  verdankt sich eben nicht ihrer Zweckmäßigkeit. Um zweckgemäß zu sein, hätte man Kirchen auch bauen können, wie man Stadthallen baut.

Schönheit ist nicht dasselbe wie Funktionalität, “Schönheit transzendiert Funktionen” (Hannah Arendt). Weswegen jede Stadt ihre eigene Ästhetik hat, auch Bochum ist mehr als eine Ansammlung schlüssig begründeter Straßen, die Stadt spricht in Bauten und damit in Bildern.

Sie bindet ihre Bewohner nicht durch die Logik ihrer Verkehrsplanung, sondern durch die Poesie ihrer Plätze, die Anziehung ihrer öffentlichen Räume und Formen und Farben.*


* Der Satz variiert ein Original, das stammt von Navid Kermani und geht so:

„Religionen haben ihre Ästhetik. Sie sind nicht Ansammlungen schlüssig begründeter Normen, Wertvorstellungen, Grundsätze und Lehren, sondern sprechen in Mythen und damit in Bildern, kaum in abstrakten Begriffen, binden ihre Anhänger weniger durch Logik ihrer Argumente als die Ausstrahlung ihre Träger, die Poesie ihrer Texte, die Anziehung ihrer Klänge, Formen, Rituale, ja ihrer Räume, Farben, Gerüche“. 

[In „Gott ist schön. Das ästhetische Erleben des Koran“, C.H. Beck Verlag 1999, Vorrede]