Identitäre Musik? Bloß nicht

Grand Pianoramax, Girls in Airports et al

urban urtyp #49: Grand Pianoramax by Martin Holtkamp

Muss man in diesen Tagen vielleicht doch nochmal betonen: dass es in KIRCHE DER KULTUREN kein Reinheitsgebot gibt. Was Musik angeht, wird hier gemixt, gerührt und geschüttelt. Grand Pianoramax beispielsweise, die urban urtypen #49:

“Mit all den verschiedenen Kulturen, denen wir ausgesetzt sind, taucht die große Vermischung zwangsläufig in der Musik auf.”

Die große Vermischung stellt vor eine sehr einfache, sehr komplizierte Frage, es ist nicht mehr die von Kant: „Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?“, sondern: Was soll ich mögen? Welche Mixtur schmeckt, welche nicht?

Auf den ersten Blick geht es dabei um den persönlichen Geschmack, tatsächlich geht es um Wahrheit. 

Auffällig ist jedenfalls, so Simon Frith, britischer Musik-Soziologe, dass in der Pop-Kritik andauernd Werturteile getroffen werden. Wenn wir über das reden, was wir persönlich mögen, dann reden wir, als urteilten wir über gut und schlecht, über richtig und falsch, über wahrhaftig und verlogen.

Es geht offensichtlich um Wahrheit, die Frage ist: Wie entsteht diese Wahrheit?

Frith spielt die gängigen Antworten durch, die gängigste von allen: Wahre Musik sei „authentisch“ und nur „authentische“ Musik sei wahr. Also: Arbeitermusik klinge wie Arbeitermusik, weil Arbeiter Arbeitermusik machten, griechische Musik klinge wie griechische Musik, weil Griechen Griechenmusik machten usw. Ist natürlich Unfug, dieses Anfrömmeln von Authentizität, Frith‘ Antwort geht so:

Warum ich eine bestimmte Musik für wahr und gut und schön nehme, dieser Wahrheitsanspruch entsteht dadurch, dass ich mich selber in Gemeinschaft mit anderen vorstelle, mich mit anderen identifiziere, die dasselbe mögen.

Solch eine  Identifikation mit einer vorgestellten Gemeinschaft ist frei, sie hat spielerische Qualität: Niemand muss nichts unterschreiben, das Spiel findet allein in meiner Vorstellung statt, dort entsteht das „Vergnügen der Identifikation“, der Spaß am Pop. Kopfkino.

Bsp.: Wenn ich Black Music höre, fühle ich mich nicht als Afro-Deutscher, wenn man Bach mag, wird man nicht fromm, wenn man David Bowie mag, fällt man nicht aus der Gender-Rolle, sondern: Indem ich es höre, stelle ich mir vor, Teil einer Gemeinschaft zu sein, von der ich mir im Hören ein Bild mache, eine Vorstellung. Man nähert sich dieser Vorstellung nach und nach an …

… steht also nicht mittendrin, eher am Rande. Aber – und deshalb ist Musik für den Pop so wichtig – man steht wie am Rande einer Tanzfläche: Anders als Kunst oder Literatur fährt Musik in die Körper, man wippt mit, geht mit, fühlt sich mitgemeint und mitgerissen. Die Imagination wird sichtbar, sie teilt sich mit. Popmusik ist soziale Kultur.

Ist die Einladung, sich selber einmal als anders vorzustellen. Als jemand, der/die auch andere Möglichkeiten hat. Popkultur ist das Spiel mit Identifikationen, eine Möglichkeit, sich einmal eine andere Vorstellung von sich selber zu geben, indem man eine Vorstellung von anderen gewinnt.

Entscheidend dabei: Popkultur ist dieses Spiel, ein eigentlich intimes, als öffentliches. Es ist – im Spiel – der erste Schritt hinaus.

Simon Frith jedenfalls spricht von der Pop-Musik als einer „imaginierten Form des Begehrens“  –  frei übersetzt: einer imaginierten Form der Nächstenliebe  –  und er spricht von der Pop-Musik als einer „imaginierten Form von Demokratie“.

Und damit hat er den Pop vom Kopf auf die Füße gestellt: Nach Frith ist es eben nicht so, dass eine soziale Gruppe einfach da sei wie eine Urhorde, und diese Gruppe forme dann einen authentischen Stil aus sich heraus  –  Arbeiter singen Arbeiterlieder, weil Arbeiter Arbeiterlieder singen usw. –   sondern umgekehrt:

Nicht die Gruppe formt den Stil, der Stil formt die Gruppe. Der gemeinsame Stil formt ihre Werte, ihre Bekenntnisse.

So entsteht Sozialität. Entstehen Gemeinden und Gemeinschaften, Kirchengemeinden und Szenen, Subkulturen und Werte-Gemeinschaften. Durch imaginiertes Begehren, vorgestellte Nächstenliebe, durch dargestellten Stil.

Das ist soweit sehr schön  –  und ist natürlich viel zu schön, um die ganze Wahrheit zu sein. Denn offensichtlich werden  –  Pop ist überall  –  auch  autoritäre Welten in der Imagination geboren. Auch in anderen Communities gilt: Der Stil formt die Gruppe, ihre Werte und Bekenntnisse. Auch die Sehnsucht nach einem starken Trump ist vorgestelltes Begehren.

Die Kirche entsteht auf dieselbe Weise wie die Psychoterror-Sekte. Demokratie entsteht auf diese Weise, der Führerstaat auch.

Das eben dies ist der Grund, warum wir KIRCHE DER KULTUREN machen. Weil es einen Unterschied ums Ganze macht, welche Gemeinschaft man imaginiert: ob ein- oder vielfarbig, autoritär oder demokratisch.

Ob man identitäre Musik hört oder die große Vermischung.

Die Identitären hören, und das ist eine interessante Erfahrung, diesen Unterschied genau heraus, sie wittern ihn eher als dass sie ihn hörten, sie wittern, was uneindeutig ist und unzuverlässig.

Worum es uns mit KIRCHE DER KULTUREN geht: dies ebenso zu wittern. Und dann eben deshalb zu hören.