Vom Paradies zum Bierkeller

Über Städte, urbEXPO und Utopien

Markham-suburbs near Ontario, November 2005 by IDuke (cc)

Im Ruhrgebiet fällt es schwer, den Städten einen utopischen Gehalt anzudichten, das ist beruhigend: Die ideale Stadt ist die verlassene und umgekehrt, jeder Lost Place ist eine gebaute Utopie. Kleiner Streifzug durch die Baugeschichte, er führt aus dem Paradies in den Bierkeller nebenan. Zunächst also:

Das Paradies

Der erste Ort, der sich selber überlassen blieb, weil alle Menschen ihn verlassen hatten. Die Bibel stellt ihn als einen Garten vor, der überall und nirgends liegt. Menschen, die darin wandeln, kennen weder Zweifel noch Scham. Keine Sehnsucht, keine Bilder, keine Musik. Am Ende ist es die Religionskritik  –  auch sie stammt offensichtlich aus dem Paradies  –  die zum Exodus führt, die schlaue Frage der Schlange: Sollte Gott es so gemeint haben?

Die erste Stadt

wurde diesseits vom Paradies gebaut und hieß Hennoch, gegründet hat sie Kain, der begnadigte Mörder, und dann ist es  –  immer der Bibel nach  –  just diese Linie, in der die Kunst erwacht: Von Kain, dem Städtebauer, sind hergekommen „alle Zither- und Flötenspieler“, heißt es in 1Mo 4,21. Folglich liegt hier auch der Ursprung der Musikkritik: Wenn es schön klingt, schallt es eben nicht vom Paradies herüber, es echot kein Ideal, sondern alle Musik, auch die schönste, wird im Schweiße des Angesichts gespielt und nie länger als bis du wieder zu Erde werdest.

Zum Vergleich: Etwa zeitgleich  –  ca 6 Jahrhunderte vC  –  setzt die griechische Philosophie den Gedanken in die Welt, Musik sei der Abklang himmlischer Sphären. Die Bewegung der Himmelskörper, meinte Pythagoras von Samos, sei nicht nur zu berechnen (was er ja nun konnte: rechnen), sie setze auch Töne frei, und die ergäben ein harmonisches Zusammenspiel, eine kosmische Symphonie.  –  Ist das so? Klingt Musik tatsächlich so wie Sterne knirschen, wenn sie Runden drehen? In der Bibel sind es Menschen, die flöten. Sterne sind Scheinwerfer, sie sind, so wörtlich in 1Mo 1, „angeschraubt“ ans Firmament, wir kommen darauf zurück.

Die erste Großstadt

ist Babel: „Lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche …“ Die Idee scheitert bekanntlich, aber nicht, weil es falsch gewesen wäre, eine Großstadt zu bauen, sie scheitert an der Einzahl, die Bibel (1Mo 11) zählt auf: 1 Volk, 1 Sprache, 1 Stadt, 1 Turm und 1 Ziel: „dass wir uns 1 Namen machen“. Die 1 ist das identitäre Prinzip, man kennt es aus „1 Volk 1 Reich 1 Führer“, dagegen hilft nur der Plural: viele Völker und Sprachen, viele Städte und Türme, jeder Mensch mit eigenem Namen. Die Eins bleibt für den, dessen Name unaussprechlich bleibt.  –  Auch deswegen ist

Die Stadt im Himmel

menschenleer, es war noch niemand da, sie ist ein Lost Place par excellence. Die Idee, dass es auch im Himmel eine Stadt geben könnte (und keinen Garten wie vormals im Paradies), diese nahezu platonische Idee des Urbanen ist eine jüdische: Die himmlische Stadt ist nicht irgendeine, sondern das himmlische Jerusalem. Allerdings nicht als Sehnsuchtsort erträumt, keine Utopie, eher ist sie Platzhalter fürs wirkliche Jerusalem, das 587 vC von Nebukadnezars Truppen zerstört worden war.

“Das neue Jerusalem” Beatus Facundus 253, Nordspanien 1047

Das eigentlich utopische Moment schlägt erst in der christlichen Theologie durch, die  –  eng an die griechische Metaphysik geschmiegt  –  von einem Jenseits zu träumen begann, einem Ort, wo die Ideen wohnen: Im letzten Buch der Bibel wird die Stadt (nebenbei bemerkt: keine Rede von einem Garten) zum Vorstellungsort für eine erlöste Welt. Die Stadt (und nicht das Leben in paradiesischer Natur) steht für ein Leben ohne Zwang und Not. Eine solche Stadt aber, und das ist entscheidend an dieser Vorstellung, wird nicht auf Erden gebaut, sie kommt „von Gott aus dem Himmel herab“ (Off 21,2). Anders gesagt, kein Turm soll jemals in die Himmel reichen, kein Mensch soll jemals gottgleich thronen.  –  Dann aber doch:

Die utopische Stadt

und die großen Utopien, es sind  –  bis ins 18. Jh hinein, bis hin zu Rousseau  –  urbane Utopien. 1516 bereits lässt Thomas Morus in „Utopia“, dem genre-stiftenden Roman, die Menschen in Städten leben, 1602 folgt Tommasso Campanellas „Sonnenstadt“, 1627 Francis Bacons „Neu-Atlantis“ und  –  hier etwas ausführlicher  –  1618 Johann Valentin Andreae und seine Idee für eine „Christianopolis“: Geometrisch, konzentrisch, 1 Turm in der Mitte:

Christianopolis von Johann Valentin Andreae, 1618 (cc)

Andreae beschreibt seine Idee so:

„[Das eigentlich Innerste der Stadt] ist viereckig, außen 270, innen 190 Schuh in der Ausdehnung, mit vier Türmen in den Ecken umschlossen und ebenso vielen gegenüberliegenden durchschnitten, außerdem von einer doppelten Reihe Gärten umgeben. Das ganze Gebäude hat vier Stockwerke, die bis 12, 11, 10 und 9 Schuh emporsteigen, über die die Türme noch einmal mit 8 Schuh hinausragen. Zum innerhalb gelegenen Markt hin gibt es einen mit seinen 72 Säulen beachtlichen Kreuzgang …“

usw., die Zahlen sind exakt und nicht beliebig, es sind, schrieb er, „geheime Zahlen“, denen entlang man wie auf einer Leiter „höher hinauf“ gelangen kann dahin,

„da auch Gott seine Zahlen und Maße hat, die zu betrachten dem Menschen ziemt. Denn jener höchste Baumeister hat keineswegs dieses Weltgebäude aufs Geratewohl geschaffen, sondern es mit Maßen, Zahlen und Verhältnissen sehr weise angereichert und die durch wunderbare Harmonie eingeteilte Zeit hinzugefügt. Vor allem in seinen Werkstätten und typischen Gebäuden hat er für uns seine Geheimnisse niedergelegt, daß wir mit dem Davidischen Schlüssel Länge, Breite und Tiefe der Gottheit aufschließen und den Messias als über alles Ausgebreiteten erkennen, daß wir entdecken, wie er in unaussprechlicher Harmonie alles zusammenhält, alles machtvoll und weise bewegt …“

Im Ernst? Die Gottheit der Länge, Breite und Tiefe nach ausgemessen? Andreae war beides, Mathematiker und Theologe, ein Früh-Aufklärer und früher Pietist. Als Mathematiker war er irrational, als Theologe rational und umgekehrt, eine für die Aufklärung nicht untypische Mixtur. Anderes Beispiel:

Die totale Stadt

von Jeremy Bentham, 1748 – 1832, Begründer des Utilitarismus‘, Vordenker des Liberalismus, ein Freigeist sondergleichen, just er entwickelt das Modell für eine Stadt, die, würde sie jemals gebaut, jede Subjektivität auflösen würde  –  das Panopticum: ein kreisrunder Bau, 1 Turm in der Mitte. Der Übergang vom quadratischen Grundriss zum kreisrunden ist der Clou: erstens weil sich alle Kommunikation von selber auf die Mitte richtet, wer die Mitte hält, hält die Macht (nach Bentham sollte alles, auch der Gottesdienst im Wachturm abgehalten werden). Zweitens verspricht der kreisrunde Bau, dass alle alle sehen und von allen gesehen werden: Es geht um Selbstüberwachung, sie funktioniert auch dann, wenn der Wachturm unbesetzt bleibt.

Panopticon-Skizze von Jeremy Bentham, 1791 (cc)

Bentham entwirft sein Panoptikum  –  „eine einfache architektonische Idee“, wie er schrieb  –  zunächst als Gefängnis (noch im 20. Jh wurden entsprechende Zuchttäuser gebaut), hält es aber für denkbar, seine Idee auf Schul- und Kranken- und Armen- und Irrenhäuser zu übertragen, also auf letztlich alle sozialen Orte einer städtischen Gesellschaft. Er will  –  und das war seinerzeit ein ehrbares Motiv: oft starb, wer im Gefängnis oder Krankenhaus gelandet war, unbemerkt vor sich hin  –  Bentham will eine fürsorgliche Kontrolle und Egalität, er will, im SPD-Sprech formuliert, dass niemand zurück gelassen wird.

Später macht Michel Foucault das Panopticum zur Metapher für eine Gesellschaft, die das „Überwachen und Strafen“ internalisiert und sich selber bis in die letzten Winkel der Persönlichkeit hinein unter Sozialkontrolle stellt. Was ja wiederum bedeutet, dass auch alle Bewacher bewacht sind und alle Kontrolleure kontrolliert: In der Tat hat Bentham die Regierung „in the centre of the circle formed by the waiting rooms“ platziert, sein Panoptikum, schrieb er, „becomes an instrument to discipline the government“. Kontrolliert wird in Benthams Stadt also nicht von oben nach unten oder von der Mitte nach außen, sondern responsiv, und spätestens damit rückt die Idee der totalen Stadt der digitalen Gegenwart nahe, in der es keiner Stasi mehr bedarf, solange alle überwacht werden von allen, die ein Smartphone bei sich führen. Die digitale Stadt? Eine gigantische Erziehungsanstalt, eine Selbstverbesserungsmaschine.

Die total fiktive Stadt: „Truman Show“

Ein letzter Schlenker, er führt nach „Seahaven“ in Peter Weirs „Truman Show“ von 1998: die Stadt ein riesiges Filmstudio, alle Stadtbewohner Darsteller bis auf Truman Burbank, der als Kind in die Kulissen gesetzt wurde und alles für bare Münze nimmt einschließlich der Gefühle, die ihm entgegen gebracht werden. Nach und nach kommt er der Utopie auf die Schliche, seine Zweifel beginnen damit, dass  –  siehe oben im Text  –  ein Stern vor seine Füße fällt, der am Himmel angeschraubt war … Seahaven? see heaven? Das Paradies ist ein Ort um auszubrechen.

Die wiederaufgebaute Stadt

Ruhrgebiet bei Herne 2017 by thw

ist selten geglückt. Zum Glück, muss man sagen, die Utopien der Städteplaner  –  siehe Ruhrgebiet  –  sind deshalb bewohnbar geblieben, weil sie gescheitert sind. Auch die urbEXPO – Lost Places und die Ästhetik des Verfalls gewinnt ihren Sinn darin, dass man, um sie in den Bierkellern der alten Schlegel-Brauerei zu besuchen, durch Bochums Innenstadt spazieren muss, und die ist sehr gut darin, einen täglich zu trösten, sie tut es mit Elias Canetti:

“In einer wirklich schönen Stadt lässt es sich auf Dauer nicht leben, sie treibt einem alle Sehnsucht aus.”

Nichts einzuwenden also gegen das Ruhrgebiet, an Sehnsucht bietet es viel.


urbEXPO | LOST PLACES UND DIE ÄSTHETIK DES VERFALLS

VERNISSAGE
» 25.08.2017 | 20 Uhr
» Christuskirche Bochum
» Eintritt frei

AUSSTELLUNG
» 26.08. — 10.09.2017
» Schlegel-Haus | Willy-Brandt-Platz 5–7 | 44 787 Bochum
» Eintritt: 3,- €

OEFFNUNGSZEITEN
» montags bis freitags: 15 bis 20 Uhr | samstags & sonntags: 12 bis 18 Uhr

LINKS
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