Pop zum Sonntag. Thema: Pflege

Oliver Schulthoff über Stoppok und den Pflegesong

Ernst Ludwig Kirchner, Kranke Frau (Porträt Erna Schlling), 1913 (cc)

“Der alte Mensch, der sich im Bett nicht erhebt / Und auf dich angewiesen ist, so lang er noch lebt”: Stoppok, Der Pflegesong. Unser resident-dj hat zugehört und nachgedacht. Herz & Hirn auf Reisen, Oliver Schulthoffs Pop zum Sonntag:

Oliver Schulthoff | Geschmacksverstaerkerei

Pflege / Stoppok und andere

Warum erscheint eigentlich bei dem Abspielen des Videotrailers des aktuellen Stoppok-Albums die Info, man könne sich für eine Ausbildung bei der NRW-Bank bewerben? Ich bin doch schon 50 Jahre alt und möchte wahrlich nicht mehr bei einer Bank arbeiten. Weiß dies das Internet noch nicht? Oder wird man mir auch zukünftig schmeicheln wollen, bei meiner Reise vom Kopf ins Herz? Immer ist man unterwegs, ein Reisender zwischen Orten wie Städten oder Körperteilen und wenn man angekommen ist, dann kann es sein, dass man dies nicht mehr erlebt.

Man weiß es nicht. Auf der Suche nach dem konkreten Weg durch so ein Leben stellt man mitunter fest, dass es einen Weg von hier aus geben muss. Die Stimme, die dies fordert, ist maßgeblich für die Wahrnehmung der Person durch andere Menschen und indirekt dann doch auch für den Weg selbst. Das Geknötter wird man in diesem Sinne immer dem Knötternden unterstellen, dabei ist er gar nicht so. Auch er sucht nur einen Weg, seinen Weg. Macht das nicht jeder, auch derjenige, der einen nervtötenden Job hat, den er nur vom Arbeitsamt vermittelt bekommen hat und den er angenommen hat, da er das besser fand als in Essen-Kray ums Überleben zu kämpfen? Hätte sich dieser Mensch von der Internetwerbung überzeugen lassen?

Das Gegenstück zum Arbeiten, der Rückzug ins Private, kann bedeuten, in Essen zu shouten „friss den Fisch“, während man nach der Flucht nach Hamburg der Liebe wegen von den Menschen überzeugt worden ist, doch mal was anderes zu essen, etwas, das mit Essener Rindfleisch zu tun hat, zum Beispiel, also Hamburger. Oder auch umgekehrt: Fisch in Hamburg und in Essen Fleisch.

Und dann kommen die pochenden Knorpel und klopfen an Deine Tür, die 20 größten Jazz-Funk-Songs wollen Dir sagen, wie es in Hamburg so ist. Er weiß es schon, denn er ist ja wegen der Liebe zur Lady nach Hamburg gezogen. Sie hatte ihm nichts von den bevorstehenden Verwüstungen dieser Art des Gipfeltreffens erzählt. Wer weiß, sonst wäre er noch eher dorthin gezogen, um sich besser darauf vorzubereiten, was danach kommt: Verletzte pflegen, Alte die Treppen hoch und runter tragen und erst einmal die seelischen Wunden heilen. So was kann man auch noch spät erlernen, manche müssen es, familiär bedingt.

Das hätte er mit seinen 61 Jahren immer noch bravourös bewältigt. Und alleine dazu gesungen, nicht geknöttert. Die Folgen dieses Gipfels kann man nachhören am 16.11.2017 um 20.00 h in der Christuskirche Bochum.

Zum Mithören

>> Kray | Vom Kopf ins Herz

>> Throbbing Gristle | Convincing People / 20 Jazz Funk Greats

>> Throbbing Gristle | Hamburger Lady

>> Stoppok | Der Pflegesong 2016

Der Pflegesong 2016

Der alte Mensch, der sich im Bett nicht erhebt
Und auf dich angewiesen ist, so lang er noch lebt,
Er wünscht sich von dir mehr als nur’n Augenblick
Doch die Zeit rennt, und du rennst mit.

Beweg dein Herz zum Hirn
Schick beide auf die Reise
Tanz tanz tanz, aber dreh dich nicht im Kreise

Es sind nur Momente, Tage zählen nichts
An denen er dich fragt was du ihm versprichst
Den letzten Weg geht niemand gerne allein
Komm, bleib bei mir, lass die Uhren Uhren sein

Beweg dein Herz zum Hirn …

Das Stundenglas immer im Kopf’
Auf der Suche nach des Deckels Top
Vergisst du zu leben oder hast du es schon
Müder Hände Arbeit ohne entsprechenden Lohn

Die Schuld an dem Drama trägt das System
Es fragt nicht nach dir oder irgendwem
Und wenn wir am Ende dann alle mal gehen
Ist die Zeit nicht das einzige Problem

Beweg dein Herz zum Hirn …

Der alte Mensch, der sich im Bett nicht erhebt
Und auf dich angewiesen ist, so lang er noch lebt …

Beweg dein Herz zum Hirn.