„Eine große Metapher für dieses Land“

Hans Ehrenberg, Wim Wenders

Wim Wenders | (c) 2015 PeterLindbergh

Hans Ehrenberg war Jude und Christ, Philosoph und Publizist, er wurde zum Vordenker gegen die Nazis und ihren totalitären Staat. Der protestantische Hans-Ehrenberg-Preis erinnert an den Bochumer Pfarrer, am 17. September wird der Preis an den Künstler Wim Wenders verliehen, die Laudatio hält der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm.

Wenders, einer der bedeutendsten Filmkünstler der Gegenwart, wird für einen künstlerischen Stil geehrt,

„der einen Spielraum offen hält für das, was sich dem Zugriff entzieht“,

so der Bochumer Superintendent Gerald Hagmann: Die Freiheit des Glaubens, die Hans Ehrenberg gegen den totalitären Staat verteidigt habe, sei immer auch die Freiheit der Kunst, die Freiheit der Kunst immer auch die des Glaubens, so Hagmann weiter, beide seien sie

„Indikatoren einer freien Gesellschaft“.

Der Hans-Ehrenberg-Preis wird von der Evangelischen Kirche in Bochum gemeinsam mit der westfälischen Landeskirche an Persönlichkeiten verliehen,

„die in öffentlicher Auseinandersetzung protestantische Positionen beziehen“.

Zu den bisherigen Preisträgern zählen unter anderem die Politikerin Antje Vollmer, der Publizist Robert Leicht, Altpräses Manfred Kock gemeinsam mit Karl Kardinal Lehmann sowie die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste.

Dass mit Wim Wenders nun erstmals ein Künstler geehrt wird, fällt nicht zufällig in das Jahr, in dem die Evangelische Kirche das Reformationsjubiläum begeht: Eine der wesentlichen reformatorischen Überzeugungen ist, dass der einzelne Mensch ein Eigenrecht hat gegenüber Gesellschaft, Staat und eben auch der Kirche, er ist nicht gebunden an das, was ist, sondern wie es sein könnte. Diese reformatorische Einsicht, sagt der Bochumer Theologieprofessor Traugott Jähnichen, Mitglied der Findungskommission für den Hans-Ehrenberg-Preis, habe „eine kulturprägende Kraft entwickelt, die andauert“: Sie gehöre nicht der Kirche,

„sie kommt uns in vielfachen Formen entgegen – als kulturelle Schöpfung, als Befragung und Infragestellung, als Suche und öffentlicher Streit um die Wahrheit“.

Nur – und diese Frage hat jetzt Wim Wenders aufgeworfen: „Ist ‚Wahrheit‘ nicht gerade im öffentlichen Leben komplett beliebig geworden? In einer Zeit, in der es ein Pendant dazu gibt, die ‚alternativen Fakten‘?“ Im Interview mit Johann Hinrich Claussen, dem Kulturbeauftragten der EKD, betont Wenders, wie sehr er die Künste – Kino und Theater, die Literatur und zeitgenössische Musik – „in der Pflicht“ sehe, existenzielle Fragen zu stellen und hier besonders

„die einfachste, aber auch dringlichste von allen: ‚Wie soll man leben‘?“

Derzeit, so Wenders, beweise vor allem die Popular-Musik der Gegenwart „den erstaunlichsten Reichtum an Mut, sich allen Fragen zu stellen“. Das Kino zeige nur „hin und wieder, was es alles kann“, auch Theater und Literatur „drücken sich so gut es geht“, selbst die Kirchen würden großen Fragen meistens ausweichen:

„Niemand will den Geruch einer ‚moralischen Anstalt‘ an sich haben. Das ist heute einfach uncool. Obwohl gerade das mehr gebraucht würde als je zuvor.“

Aber können die Künste und Kirchen das überhaupt noch, ethische Orientierung bieten? Es ginge „nur dann, wenn man viel von sich selber investiert“, so Wenders, er sieht die Künste – und ebenso die Kirchen – vor eine Aufgabe gestellt, die ins Herz des künstlerischen wie religiösen Ausdrucks trifft: die Aufgabe, wahrhaftig zu sein. Wahrhaftigkeit, so Wenders, bezeichne

„ein Streben nach etwas Wahrem, den ständigen Versuch, ihm nahe zu kommen. Weil man davon ausgeht, dass es das gibt, ein Wahres.“

Es ist diese Voraussetzung  –  dass es eine gemeinsame Wahrheit gibt, die niemand besitzt  –  die Wenders Kunst unmittelbar mit Ehrenbergs Denken verbindet: Vor seiner Zeit als Pfarrer in Bochum war Ehrenberg Professor für Philosophie in Heidelberg, er hat die Dialog-Philosophie mit begründet, die davon ausgeht, dass Wahrheit nur im Gespräch mit denen aufscheinen kann, die andere Überzeugungen haben: Denken an sich ist dialogisch, vielstimmig, demokratisch.

Darauf baut die liberale Demokratie auf. Europa baut darauf auf  –  der Hans-Ehrenberg-Preis wird am Platz des europäischen Versprechens verliehen, dem Ende 2015 eröffneten Kunstwerk von Jochen Gerz. Und auf eben diesem Axiom, dass Denken demokratisch ist, hat Hans Ehrenberg sein dialogisches Denken gegründet.

Wim Wenders hat den Blick für das, was sich in diesem einen Leben vergegenwärtigt  –  ein Leben, das sich „so aufregend vom Ersten Weltkrieg über Widerstand, Verhaftung und Asyl bis in die Nachkriegs- und Wirtschaftswunderzeit“ spannt: Wenn er sich vorstellte, die Lebensgeschichte von Hans Ehrenberg zu verfilmen, so Wenders,

Dazu zählt sicherlich auch, dass sich die Evangelische Kirche nach 1945 schwer getan hat mit ihrem Vordenker. „Kompromisslos und radikal wie kein anderer Theologe seiner Zeit“, schreibt Günter Brakelmann, Ehrenbergs Biograph und einer der profiliertesten Kenner der Geschichte des Widerstands, stand der Bochumer Pfarrer einem Staat entgegen, der sich angemaßt hat, die Gewissen zu kontrollieren und eben auch und zuerst das ästhetische Empfinden.

Mit dem nach Hans Ehrenberg benannten Preis wird jetzt ein Künstler geehrt, dessen Blick „ein biblischer, ein protestantischer ist“, heißt es in der Begründung für die Ehrung: „Wenders lädt zum Sehen ein, zum Ansehen der Person  –  und dazu, den mitzudenken, der unsichtbar bleibt.“


Hans Ehrenberg

>>  Den Hans-Ehrenberg-Preis nimmt Wenders am 17. September, 16 Uhr in der Predigtstätte Ehrenbergs, der Christuskirche Bochum am Platz des europäischen Versprechens entgegen. Die Laudatio hält der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm. Der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, Johann Hinrich Claussen, moderiert das Gespräch zwischen Wenders und Bedford-Strohm, die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Annette Kurschus, spricht ein geistliches Wort. Der Festakt steht unter dem Thema „Eingewoben in Kunst“.

>> Die Teilnahme am Festakt steht allen am Thema Interessierten offen, solange es noch freie Plätze in der Kirche gibt. Anmeldungen bitte an info@christuskirche-bochum.de

>> Update 2017-09-15: Etwa 800 Gäste aus Bochum und der gesamten Republik haben sich schriftlich angekündigt. Für spontane Besucher wird es am Sonntag noch max 100 freie Plätze in der Christuskirche Bochum geben.