Das Gefühl für ein Europa, das um sich selber weint

Volkstrauertag | Ein deutsches Requiem, ChorWerk Ruhr

Niobe, Mosaik von Ignatius Geitel, Friedhof Freigrafendamm, Bochum 1954 | Foto (c) Ayla Wessel

Kann es das geben: eine europäische Trauer? Der Volkstrauertag hat eine prekäre Vergangenheit, er war immer, auch nach dem Ende des Nazi-Regimes, ein Tag der deutschen Trauer, und deutsches Trauern lief immer Gefahr  –  und läuft es wieder: siehe Gaulandser –  volksdeutsch eingeholt zu werden. Was aber, wenn es an diesem Tag gerade nicht um Schuld und Unschuld ginge, nicht um Täter und Opfer, nicht um Verantwortung für Taten und für Untaten, sondern eben um: Trauer?

Auffällig jedenfalls, dass gerade der Volkstrauertag mit seiner dubiosen Geschichte der einzige Gedenktag ist, der ein Gefühl im Namen trägt. Ein sehr intimes, wer trauert, ist bei sich selber, ist eins mit seinem Gefühl. Und weiß, dass es allen, die ebenso trauen, ebenso ergeht. Könnte es das geben: dass wir gemeinsam trauen um das, was wir uns in Europa angetan haben? Das Gefühl für ein Europa, das um sich selber weint? Das fähig würde, die Leiden der anderen mitzuleiden, ihre Trauer mitzufühlen?

Das Requiem von Brahms jedenfalls wird als „deutsches Requiem“ nur deshalb bezeichnet, weil Brahms keine lateinischen Texte verwandt hat: Er hat die Bibel in der Übersetzung von Luther gelesen und sich aus ihr den Text seines Requiems zusammen gestellt. Bei dieser Komposition der biblischen Texte allerdings hat er eine Haltung bewiesen, die er selber einmal als „ketzerisch“ bezeichnet hat. Eine Haltung, die man, wenn man die Bibel kennt, nur als biblisch bezeichnen kann. Weil er den falschen Trost verweigert, der darin liegt zu glauben, der Tod sei nur der Übergang in eine bessere Welt.

Könnte es sein, dass gerade dies ein europäischer Konsens ist, ein elementarer? Die Einsicht, dass der Tod eines jeden, wer immer ihn erleidet, die Welt nicht besser macht, sondern ärmer? Dass es darum geht, für eine bessere Welt zu leben anstatt für sie zu sterben.

Ein Konzert zum Volkstrauertag am Platz des europäischen Versprechens.

Florian Helgath, Künstlerischer Leiter des Chorwerk Ruhr, reduziert die von Brahms opulent gedachte Besetzung auf 29 solistische Stimmen, das riesige Orchester übersetzt er in den Klang von zwei Flügeln. Es entsteht eine kammermusikalisch transparente Form, dazu da, Pathos fern zu halten.

Trauer singt, wenn sie singt, in der Ich-Form, es wäre die europäische.


CHORWERK RUHR | CWR 102

JOHANNES BRAHMS | 1833 – 1897
_ Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen (1878)
für gemischten Chor a cappella 10‘
_ Ein deutsches Requiem op. 45 (1866)
Transkription für Solisten, Chor und 2 Klaviere vom Duo d’Accord 80’

MIT

Johanna Winkel | Sopran
Thomas E. Bauer | Bariton
Duo d’Accord | Klavierduo Lucia Huang & Sebastian Euler
ChorWerk Ruhr
Florian Helgath | Musikalische Leitung