„Kann nicht schaden, wenn es gut klingt“

Interview mit dem "Magazin für Bochum"

Christuskirche Bochum by Michael Schwettmann (c)

Das Magazin für Bochum hat ein Interview mit mir geführt, “Bochum macht Spaß” heißt das Magazin, das Oliver Bartkowski macht:

Herr  Wessel,  wann  kam  der  Gedanke  auf,  Pfarrer  zu  werden und was war der Auslöser?

Ich bin über die Theologie dazu gekommen und über die Frage: Was, wenn es Gott tatsächlich gibt, was dann? Ich fand  diesen  Gedanken  nie  bedrohlich,  eher  unterhaltsam  im Wortsinn: Man hat ein Gegenüber. Die Option, Pfarrer zu werden, rückte dann fast unmerklich näher. Es gibt nicht viele Berufe, die solche Unabhängigkeit bieten.

Sprechen  Sie  auch  heute  noch  Gottesdienste  oder  haben Sie dafür keine Zeit mehr?

Sicher halte ich Gottesdienste, aber was viel wichtiger ist: Gottesdienst ist nicht nur, wenn vorne ein Pastor steht, sondern ein gutes Konzert lässt sich ebenso als Gottesdienst verstehen und vor allem hören, immerhin kommt der Glaube  aus  dem  Hören,  hat  Luther  gesagt  und  es  kann  nicht  schaden, wenn es gut klingt.

Ihre  Kirche,  die  Christuskirche  in  Bochum,  ist  mittlerweile  über  die  Grenzen  der  Stadt  hinaus  als  hervorragende Konzerthalle bekannt. Wie kam es denn eigentlich dazu?

Durch  eine  großartige  Architektur,  tolle  Akustik  und  eine  lange  Tradition.  Die  Kirchenmusik  und  unser  Chor,  die  Stadtkantorei,  hatten  ihren  Ort  ja  immer  schon  in  dieser  Kirche und wenn man jetzt nicht nur Bach, sondern sagen wir,  ein  Popkonzert  hört,  wie  z.B.  neulich  die  Hundreds,  dann  ist  das  schon  ein  grandioser Abend. Es ist dann so, als  ob  der  Raum  die  Klangwelt  weitet  und  damit  eben  auch  die  Bedeutung  der  Musik. Sie ist, wenn man so will, vor  Gott  gebracht.  Man  hört  die  Musik,  wie  Gott  sie  hört.  Dass   Gott   einen   Musikgeschmack  haben  könnte  und  dass  dieser  Geschmack  sich  mit meinem eigenen trifft, das ist, was wir mit dem sperrigen Begriff „Rechtfertigung“ meinen.

Jetzt  treten  ja  nun  Musiker  aus den unterschiedlichsten Genres in der Christuskirche auf.  Jazz,  Weltmusik,  Rock,  Pop und Electro sind bei ihnen zu Hause. Stehen Sie allen Genres offen gegenüber oder  muss  die  Musik  auch  Ihnen persönlich gefallen?

Nicht  mir,  dem  Raum  muss  es  gefallen.  Die  Musik  muss  nicht nur in dem Raum spielen, schon gar nicht gegen ihn, sondern  mit  ihm,  das  macht  ja  den  Unterschied  aus  zwischen Hifi und einem Livekonzert. Lebendig wird Musik nicht deshalb, weil einer sie spielt, sondern weil viele Menschen sie hören.

Verbinden Sie damit Beruf und Hobby oder besser gefragt sind Sie jemand, der Musik in sich trägt?

Schöne Formulierung: „Musik in sich tragen“, das erinnert mich an Schleiermacher, der war ein berühmter Theologe, er hat vom „Sinn und Geschmack fürs Unendliche“ gesprochen. Im 18. Jahrhundert war das, es gab noch lange keinen Pop, da hat er die erste Poptheorie geliefert, dass das persönliche ästhetische Empfinden Sinne freisetzen kann, der die eigene Welt überschreitet und einen mit anderen verbindet, die am anderen Ende der Welt sein können und die man nie gesehen hat, deren Sinn und Geschmack man aber teilt. Transzendenz ist eine innerweltliche Erfahrung.

Seit  acht  Jahren  gibt  es  die  Reihe  urban  urtyp  in  der  Christuskirche,  deren  Prinzip  lautet:  Die  beste  Musik  ist  die,  die  man  noch  nicht  kennt.  Jetzt  wurde  diese  Indie-Reihe von der Bundesbeauftragten für Kultur mit dem „Applaus“-Preis geehrt. Da kann man schon stolz drauf sein, oder?

Der  Clou  bei  urban  urtyp  ist,  dass  es  keinen  Intendanten  gibt, keinen künstlerischen Leiter oder sonstwie kunstamtliche Personen, sondern dass, wer mitmacht, auch das Programm bestimmt. Das Format ist selber ein offenes Kunstwerk, und das finde ich fast noch schöner als die Musik, die auf diese Weise in die Stadt kommt.

Mussten  Sie  schon  einmal  beten,  weil  ein  Konzert  so  schlecht war, in der Hoffnung, dass es bald vorbei ist?

Ehrlich gesagt, ja, aber es gab auch andere in der Kirche, die  gebetet  haben,  dass  das  Konzert  noch  ein  Weile  andauern möge. Mein Votum war dabei offenbar nur ein Minderheitsvotum (lacht).

Musiker  wie  Ray  Wilson  (Ex-Genesis)  kommen  fast  im  Jahresrhythmus  zu  Ihnen.  Gibt  es  Künstler,  die  Ihnen  mittlerweile ganz besonders ans Herz gewachsen sind?

Wenn  ich  so  darüber  nachdenke,  eigentlich  nicht,  nein.  Es  gibt  ja  immer  zwei  Räume  im  Livebetrieb,  Bühne  und  Backstage, da ist jeder Konzerttag besonders. Das ist fast wie eine Lebensgemeinschaft für einen Tag.

Was  für  Highlights  dürfen  wir  in  der  Christuskirche  2018 erwarten? Gibt es schon eine kleine Vorausschau?

Donovan  kommt,  der  ist  ja  nun  wirklich  eine  lebende  Legende.  Hans-Joachim  Roedelius  kommt  auch,  ebenfalls  legendär,  der  Urvater  der  elektronischen  Musik.  Dann  kommt Ben Becker und spielt „Ich, Judas“ bei uns an den Tagen,  an  dem  die  Geschichte  spielt,  am  Karfreitag  und  Gründonnerstag, und wir begehen seit Jahren den Tag der Befreiung  von  Auschwitz,  den  27.  Januar,  in  diesem  Jahr  wegen des Sabbats am Tag darauf zusammen mit Bochumer  Künstlern,  u.a.  mit  Chris  Hopkins  und  seinem  Gypsy  Swing  Trio.  Die  Nazis  haben  Jazz  und  Swing  und  atonale  Musik  verboten,  die  Musiker  verfolgt,  vertrieben,  ermordet. Es geht an diesem Tag darum, dass es nicht egal ist, welche Musik man in sich trägt.

Vielen Dank für das Interview.

Immer wieder gerne.

Interview: Oliver Bartkowski