Nie wieder Auschwitz? Nie gehört.

Über Robert Menasses „Die Hauptstadt“

Toller Roman, vielstimmig, vielschichtig, vieldeutig. Unterhaltsam und witzig, oft bittersweet. Eine Ode an Europa, das verlässlich und mit großer Effizienz beweist, dass es nicht noch einmal untergehen will: Nie wieder Krieg! Zugleich ein Nachruf auf eben dieses Europa, das keine Ahnung haben will, warum es Europa eigentlich gibt: Nie wieder Auschwitz?

Menasse stellt die Frage in einer Zeit, in der Tausende Juden dieses Europa in Richtung Israel verlassen  –  die wenigsten von ihnen tun es freiwillig  –  und er entwickelt die Frage anhand der Figur des Martin Susman, eines Referenten in der EU-Generaldirektion für Kultur, der den Auftrag erhält, eine Feier zum 50. Geburtstag der Europäischen Kommission zu organisieren, die Kommission ist die Exekutive der EU, eine Art Regierung.

Ziel des “Big Jubilee Projects”: Image polieren. Nur wie?

Noch hat Susmann keine Idee, als er eine Dienstreise nach Auschwitz antreten soll, wo sich ihm  –  er ist „Guest of Honour in Auschwitz“  –  die Wirklichkeit bizarr verkehrt: Der Automat, aus dem er ein Getränk ziehen will, ist „Enjoy!“ benamt, und kaum dass er sich eine Zigarette anzündet, steht „ein Mann in Uniform vor mir und sagte: ‚No smoking in Auschwitz‘“. Was überall normal ist, wirkt hier grotesk, es müsste „anders formuliert, anders gestaltet sein“, und das, denkt Martin Susman, als er zurück ist in Brüssel, das

    „denken wir nur an diesem Ort. Wie alles irgendwie anders sein müsste  –  das denken wir nur an diesem Ort. Aber wenn wir das jetzt umkehren, wenn wir überall das Normale, das Gewohnte in diesem Licht sehen würden … Verstehst du, was ich meine? Darum habe ich vorhin gesagt: Auschwitz ist überall. Wir sehen es nur nicht. Wenn wir es sehen könnten, dann würden wir das Bizarre, das Zynische einer Normalität begreifen, die hier in Europa doch eine Antwort auf Auschwitz sein sollte, eine Lehre, die aus dieser Geschichte gezogen wurde.“

Langsam nimmt die Idee Form an in seinem Kopf: Wo ein Geburtstag, da ein Geburtsort  –  ist Europa in den Gaskammern geboren? Ist Auschwitz der “Geburtsort der Europäischen Kommission“, die ihren 50. Geburtstag feiern will …  

    „Bist du krank?

    Sorry, sagte er und: Das ist doch die Idee der Kommission, so steht es in den Gründungsdokumenten  … Die Kommission ist keine internationale, sondern eine supranationale Institution  (…) sie will die klassischen nationalen Konflikte und Widersprüche in einer nachnationalen Entwicklung überwinden, also im Gemeinsamen. Es geht um das, was die Bürger dieses Kontinents verbindet und nicht um das, was sie trennt.“

Und was verbindet die Bürger Europas?

    „Auschwitz! Sagte Martin. Die Opfer kamen aus allen Ländern Europas, sie trugen alle dieselbe gestreifte Kleidung, sie lebten alle im Schatten desselben Todes, und sie alle hatten, so sie überlebten, denselben Wunsch, nämlich die für alle Zukunft geltende Garantie der Anerkennung der Menschenrechte. Nichts in der Geschichte hat die verschiedenen Identitäten, Mentalitäten und Kulturen Europas, die Religionen, die verschiedenen so genannten Rassen und ehemals verfeindete Weltanschauungen so verbunden, nichts hat eine so fundamentale Gemeinsamkeit aller Menschen geschaffen wie die Erfahrung von Auschwitz.“

Lässt Robert Menasse seinen Martin Susman sagen, und kaum dass der Gedanke entsteht, wird er in den Alltag Europas entlassen und umstandslos zerlegt. Was eben noch als “‚Ewigkeitsklausel‘” galt  –  dass sich ein europäischer Zivilisationsbruch wie Auschwitz nie wieder ereigne  –  hält keine drei Sitzungen an: Die polnische Regierung  –  es ist ja nur ein Roman  –  stellt fest, dass Auschwitz ein „ausschließlich deutsches Problem“ sei, die österreichische erklärt ihr Österreich zum Opfer, die englische unterstützt die Idee nur, um sie als Argument für den Brexit auszuschlachten, die deutsche wiederum betont,

    „dass die Muslime in Europa nicht aus dem europäischen Einigungswerk ausgeschlossen werden dürfen (Zustimmung: UK, HUN, PL, AT, HR, CR)“

und so weiter. Die Lebenslügen der Nationen. In einem weiteren Erzählfaden variiert Menasse den Gedanken:

Alois Erhart, Professor für Volkswirtschaft, bereits pensioniert und also eher geduldet als geachtet, ist noch einmal nach Brüssel geladen, er soll einem Think Tank beiwohnen. Mit seinen „letzten Worten“ [so beiläufig wischt Menasse die “letzte Tinte” von Grass vom Tisch] erklärt er,

    „dass wir etwas völlig Neues brauchen, eine nachnationale Demokratie, um eine Welt gestalten zu können, in der es keine Nationalökonomie mehr gibt. (…) Konkurrierende Nationalstaaten in einer Union blockieren beides: Europapolitik und Steuerpolitik. Was wäre jetzt notwendig? Die Weiterentwicklung zu einer Sozialunion, zu einer Fiskalunion  –  also die Herstellung von Rahmenbedingungen, die aus dem Europa konkurrierender Kollektive ein Europa souveräner, gleichberechtigter Bürger machen würde. Das war ja die Idee, das war es, wovon die Gründer des europäischen Einigungsprojekts geträumt haben  –  denn sie hatten ihre Erfahrungen.“

Welche? Alois Erhart schlägt als eine

    „erste, kühne, große, bewusste Kulturleistung der nachnationalen Geschichte“

vor, dass Europa sich eine gemeinsame Hauptstadt baue und zwar an einem Ort,

    „dessen Geschichte maßgeblich für die Einigungsidee Europas war“,

er schlägt Auschwitz vor. Im selben Moment ist der Professor zum Outcast geworden, zu einem Ideengespenst, das  –  ganz wie das phantomgleiche Hausschwein, das Menasses Roman durchwildert  –  durch Brüssel irrt, als sei diese Stadt die neue, eine bizarre Normalität.

Ein dritter Erzählstrang in Menasses Roman:

David de Vriend, weit über 80, sein Anzug maßgeschneidert, ansonsten besitzt er so viel wie in einen Koffer passt, kein Fotoalbum, er spricht mit sich selber und mit den Toten. Als Kind war er heraus gesprungen aus dem Zug, der ins Vernichtungslager fuhr, schloss sich dem belgischen Widerstand gegen den Nazi-Terror an, wurde nach Auschwitz deportiert, hat überlebt, ein Europäer. Und jetzt, ins Altenheim verbracht, zerrinnt ihm die Erinnerung, die Namen in seinem Adressbuch sind durchgestrichen, sein eigener Name steht als letzter auf der Liste, er ist  –  ein direkter Verweis auf Joram Kaniuks großen Roman von 1991  –  „der letzte Jude“.

Alle drei  –  Martin Susman, Alois Erhart, David de Vriend  –  werden bei einem Terroranschlag in der Metro-Station Maelbeek ermordet.

Und mit ihnen, so scheint es, stirbt die Idee, dass die Erfahrung von Auschwitz die Menschen Europas einmal verbunden hätte. Einmal hätte verbinden können. Es ist, was Robert Menasse

    „das stille Begräbnis einer Epoche“

nennt. Wozu noch Europa?

Robert Menasse by Rafaela Proel, Suhrkamp Verlag

Nun, Menasse hat weitere Erzählfäden ausgelegt in seinem Roman, alle sind sie miteinander verwoben  –  „Wenn etwas zerfällt, muss es Zusammenhänge gegeben haben“, steht als Motto über dem Schlusskapitel  –  und in diesen anderen verwobenen Geschichten tauchen ein paar Figuren auf, von denen sich denken ließe, sie könnten diesem EU-Europa mit einer Hauptstadt namens Brüssel eine Zukunft verheißen. Eine, die ohne Moral auskommt, ohne Erinnerung, dafür mit Sonntagsreden [“Niemals vergessen, das muss man immer wieder sagen.  –  Genau.”] und einer unverwüstlichen Pragmatik. Auch diese Figuren hat Menasse mit Zuneigung gezeichnet, Fenia Xenopoulou etwa, griechische Zypriotin und Chefin von Martin Suseman, sie

    „lebte und arbeitete schon zu lange in Brüssel, um sich noch mit Patriotismus zu beschäftigen.“

Fenia ist, wenn man so will, moralisch verlässlich, ohne moralisch zu sein: Als die Idee für das “Big Jubilee Project” zerlegt wird im nationalen Poker   –  “‘Warum die Juden? Warum nicht der Sport?’”  –  ist sie aufrichtig empört, allerdings deshalb, weil das Sport-Ressort ihrer Karriere nichts nützt: Was einmal Moral war, ist nun Organigramm.

Ähnlich Bohumil Szmekal, tschechischer Österreicher oder österreichischer Tscheche, er blickt aus Brüssel mit großer Distanz auf Prag und nationale Politik zurück, sein europäischer Blick löst familiäre Bindungen auf. Der europäische Zusammenhalt dicker als Blut? Wunderbar, das Brüssel-Europa ist vielsprachig und gebildet, fit und tolerant, stabil verästelt genießt es die europäischen Küchen und schließt seine Kompromisse zwischen zwei Gängen.

Aber dann ist es eben dieses diszipliniert radelnde Brüssel, das jeden Falschparker mit Eifer bekämpft und dem sich dann, als die Bombe detoniert, Menasses Frage in den Radweg stellt:

Wozu ein Europa, das nie wieder Kriege führen, aber von Auschwitz nichts hören will?

Die Frage stellt sich, solange ein einziger  –  der letzte  –  Jude lebt in Europa. Solange er lebt, verkörpert er   –  das ist die wirkliche Ewigkeitsklausel der EU  –  die Erinnerung ans eigene Mittun:

    “Solange sein Name nicht durchgestrichen ist, so lange – “

… bleibt die Frage akut: Wozu ein Europa, das seine Juden vor keine Wand mehr stellt, wohl aber vor die Wahl, entweder dem europäischen Antisemitismus zu erliegen oder dem palästinensischen Terror, den das radelnde Europa so hartnäckig subventioniert, als handele es sich um Obstbauern, die Schädlinge bekämpften …

    „Er sah es vor sich wie einen Film: Der Aufmarsch der Toten, auf großer Leinwand, sie marschierten in einem Sternmarsch durch alle Gassen und Straßen zum Berlyamont-Gebäude, eine Demonstration der verdrängten Geschichte, ein Fanal der Gründer des Europäischen Einigungsprojekts, und dann kam der Sarg. Was für ein Sarg? Wer lag darin? Der letzte Jude, na klar, der letzte Jude …“


ROBERT MENASSE | “DIE HAUPTSTADT”

Lesung zum Europatag am Platz des europäischen Versprechens

>> Dienstag 8. Mai | 18:00 Uhr

>> 10 € | je Ticket geht ein Frei-Ticket an sozial Bedürftige, Schüler/innen und pro-europäische Initiativen

>> Tickets gibt es direkt hier auf unserer Seite oder in jeder besseren VVK-Stelle

Mit dem Schriftsteller diskutieren im Anschluss an seine Lesung:

>> Michael Mauer | Unternehmer

>> Nikolai Fuchs | GLS-Treuhand

>> Schüler/innen der Hildegardis-Schule Bochum

Moderation: Dr. Ralph Köhnen | Literarische Gesellschaft Bochum