Böhmermann für Dumme

Kollegah und Echo-Preis, Tröten und Pop

The Dead Piano by Roman Zeschky (c)

Leute vom Schlage eines Kollegah und Farid Bang, auch Naidoo, sind Antisemiten, darf man sie so nennen?

„Völlig egal“, sagt Daniel Neumann in der WDR-Doku „Die dunkle Seite des Rap”: Es sei „völlig irrelevant“, ob einer Antisemit sei oder nicht und „völlig egal, was er denkt, weil es darauf ankommt, was er tut, was er singt und welche Textzeilen er verbreitet.“

Neumann, Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinde in Hessen, erzählt in der absolut sehenswerten WDR-Doku die schräge Geschichte, dass Kollegah, Bigboss der Szene, ihn angerufen habe um mitzuteilen, er sei kein Antisemit. Falls seine Songs mal antisemitisch klängen, dann, erzählt Neumann, habe Kollegah darauf bestanden, dass das „nur eine Geschichte“ sei, „nur ein Bild, da seien keine Symboliken, die er tatsächlich ernst gemeint habe oder die irgendwelche Hintergedanken hätten“. 

Klingt wie Böhmermann. Der hat, mit aufklärerischer Attitüde, die Form gebacken, in die Kollegah nun  –  mit ähnlicher Attitüde, imitieren kann er ja  –  seine Inhalte gießt. Die Böhmermann-Geschichte aus 2016 – die uneigentliche Beleidigung eines Mannes, der so oder so beleidigt ist – kann als Parade gelten dafür, dass links gepflanzt wird und rechts geerntet. Dass die Formen links erfunden und rechts erobert werden, die Freiheit links erkämpft und dann von rechts besetzt.

Und sie ist eine Parade dafür, dass die Form des uneigentlichen Sprechens zu einer Kunstform geworden ist, die einen Schirm spannt über was auch immer, Judenhass und „Ziegenficker“. Böhmermanns Ziegenfickerei hätte bereits 2016 verlangt, was jetzt erst alle fordern: „Haltung!“

Haltung? Begänne damit, dass man einkalkuliert, was andere mit der Form anstellen könnten, die man sich selber backt. Uneigentlich ließe sich sagen: Der schlaue Böhmermann war dafür zu dumm, jetzt ist der dumme Kollegah schlauer.

Aber  –  und das ist jetzt eigentliche Rede  –  tatsächlich geht es darum, dass sich mit den sozialen Medien ein großer und großartiger Freiheitsraum eröffnet hat und wir nun dringend eine Ahnung entwickeln müssen dafür, dass nicht nur, was man tut, sondern auch, was man sagt, Bedeutung gewinnen könnte.

Dagegen sperrt sich einiges in einem, eine lebenslange Alltagserfahrung, Max Horkheimer hat sie vor einem ½ Jahrhundert formuliert:

„Wir beklagen, dass man nicht mehr sprechen kann. Die Menschen sind stumm, soviel sie auch reden mögen. Allzu leicht jedoch vergessen wir, dass die Sprache deshalb tot ist, weil der Einzelne, der zum anderen spricht, als Einzelner, sagen wir als denkendes Subjekt, nichts mehr zu sagen hat – in dem Sinn, wie es heißt: ‘Der hat nichts zu sagen’, das heißt, der ist ohnmächtig, er kann nichts vollbringen, auf sein Wort hin geschieht nichts. Es hat nichts zu sagen, heißt, es hat keine Konsequenzen, es bedeutet nichts, es tut nichts, es macht nichts.“

Es macht doch etwas. Seit es Soziale Medien gibt, kann plötzlich Bedeutung entfalten, was sonst versandet wäre wie sonst auch. Deshalb wohl wirken alle diese Kollegah- und Naidoo-Figuren, die sich so missionarisch geben, als hätten sie ebenso viel mitzuteilen wie Annen May Kantereit oder eine andere dem schönen Pop verpflichtete Feel-Good-Band. Als hätten sie keinen Schimmer, was sie eigentlich sagen wollten und ob überhaupt irgendwas, jetzt, wo sie doch etwas mitteilen könnten. Als simulierten sie nur irgendwas, das zumindest bedeutungsschwer klingt und zum Tröten ihres Battle-Raps passt: Dieses ganze Isch-weisch-Bescheid-Gehabe, isch hab Rothschild-Theorie, das ist Böhmermann für Dumme.

Aber eben: dieselbe Form. Und Form ist nicht egal, Form ist Tun. 


FOTO | ROMAN ZESCHKY

Ist nicht die Christuskirche und kein Armageddon, was abgebildet ist, sind keine geheimen Mächte und keine Kollegahs, sondern ist ein Foto von Roman Zeschky, Fotograph aus Dortmund. Sein Bild war Teil der urbEXPO 2017 hier nebenan im Schlegel-Haus. Die urbEXPO 2018 eröffnet am 8. Juni.