He Died At Home

Warum bringt einer, der aus dem Krieg zurückgekehrt ist, sich zu Hause um?

Mosaik mit Namen von in WK I gefallenen Bochumern | (c) Matthias Duschner
Namen von Gefallenen im Turm der Christuskirche | (c) Matthias Duschner

Warum bringt einer, der aus dem Krieg zurückgekehrt ist, sich zu Hause um? „Posttraumatische Belastungsstörung“ lautet die Diagnose, ein perfides Wort.

In den USA sterben inzwischen mehr Soldaten at home als in der combat zone, sie sterben wenige Wochen später oder Jahrzehnte danach, auch in der Bundeswehr ist das Phänomen akut.

Neal Morse hat dazu einen Song gemacht, er erzählt die Geschichte von William Busbee, eines Soldaten, der immer Soldat werden wollte und gelernt hat, was er wollte. Und dann  –  William hat in Afghanistan gekämpft: Soldaten gegen Terroristen, auch die Bundeswehr kämpft dort  –  kehrt er zurück, sein kleiner Sohn wartet auf ihn, seine Familie, er kehrt zurück in sein Leben und nimmt es sich:

[Hier der Song mit deutschen Untertiteln.]

Eine „Störung“? Ich glaube eher, dass sich darin eine menschliche Regung behauptet. Sie reagiert darauf, dass, wer überlebt hat, sich schuldig fühlt gegenüber denen, die es nicht geschafft haben.

Schuldgefühle sind ein wiederkehrendes Motiv, wenn eine “posttraumatische Belastungsstörung” diagnostiziert wird, und im Grunde lautet die Frage, ob eine “Störung” nicht eigentlich dann festzustellen wäre, wenn solche Gefühle ausblieben. Wenn man sich nicht der Frage stellte, warum ich selber davon komme, während es den Menschen neben mir erwischt.

Nüchtern besehen lässt sich die Frage handfest beantworten, es hat was mit Ballistik zu tun, mit Flugkurven und Bewegungen und Dienstplänen und natürlich mit Politik und weltgeschichtlichen Entwicklungen usw. Erklärungen, die alles erklären, aber nicht tragen, nicht durchs Leben.

Trägt die andere Erklärung? Dass es so gewollt sei? Dass es im höheren Ratschluss gelegen habe, wenn eine Kugel den einen trifft und einen anderen nicht? Und dass ich dieser eine andere bin? Ich ein anderer?

Das der Titel eines Buches von Imre Kertész, “Ich – ein anderer”.

Was Kertész  –  er wurde 2002 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet  –  geschrieben hat, begründet nichts, außer dass er gängig rationale Begründungen verweigert. Er entzieht dem Leben, seinem Überleben, den Boden, auf dem er steht anstatt in ihm verscharrt zu sein.

Kertész war nach Auschwitz deportiert worden, dass er seine Vernichtung überlebt hat, erschien ihm so erklärlich wie Biologie erklärlich ist oder die Flugkurve einer Kugel, so nüchtern hat er davon berichtet.

Und sich geweigert, einen Sinn darin zu finden.

Seitdem er uns das erzählt hat  –  dass es widersinnig ist zu versuchen, aus Auschwitz einen anderen Sinn heraus zu pressen als den, dass das Morden nur aus dem einen Grund beendet werden konnte, “weil das Rad sich gedreht, die Machtzustände sich verändert haben”  –  seitdem wissen wir, dass die Lehre vom Leben das Überleben nicht erklärt.

So wenig wie eine Flugkurve erklärt, warum es nicht mich erwischt, sondern den, der neben mir steht. So wenig wie der Glaube an einen Gott, der Flugkurven berechnen könnte, erklären kann, warum ich verschont werde und ein anderer verworfen. Warum ich gewollt sei und ein anderer nicht. Kertész:

    “Das Dasein hat keine Entschuldigung fürs Dasein.”

William Busbee und Imre Kertész? Natürlich ist es ein Unterschied, ob man in Auschwitz war oder in Afghanistan, ob deportiert oder aus freien Stücken, ob wehrlos oder schwer bewaffnet.

Beiden aber ist die Weigerung gemein, ihr Weiterleben zu akzeptieren als sei es ein Verdienst oder ein unverdientes Geschenk oder das plausible Ergebnis einer Wahrscheinlichkeitsrechnung. Sie nehmen es als das, was es ist: ein Zufall, eine Willkür, eine Ungerechtigkeit.

    “You can’t watch friends be killed and stay the same inside”

Weil diese Ungerechtigkeit nicht in der Welt bleiben soll, als werde die Zeit sie heilen. Das Schuldgefühl ist ein Unrechtsgefühl, das Unrecht bleibt unbeirrt, es fragt, wieso ich?

    “No mom, the son you loved / Died somewhere over there”

Leben, sagt der Augenschein, ist evident, es schaut einen an und lächelt. Leben, sagt William Busbee, ist kontingent, es versteht sich nicht von selbst. Es stellt vor die Frage, ob es eine Schuld gibt, für die nichts kann, wer sie tragen muss: die Schuld des Lebens, des zufälligen Daseins, des zufällig Entronnenseins.

NEAL MORSE | Life And Times

» Freitag 15. Juni | 20 Uhr