Kershaw by Kühlem

„Wouldn’t It Be Good“? | Interview in den RN

Nik Kershaw (c)

Mitte der 1980er-Jahre war der Brite Nik Kershaw der Größte in der Popmusik: „Wouldn’t It Be Good“ oder „I Won’t Let The Sun Go Down On Me“ oder  „The Riddle“  –  hier mit René-Magritte-geschultem Video  –   liefen auf allen Radiostationen. Dieses Jahr ist er 60 Jahre alt geworden und geht im Sommer wieder auf Tour. Am 27. Juli spielt er mit Band in der Christuskirche Bochum, special guest: Robin Beck. Mit Max Florian Kühlem / RUHR NACHRICHTEN sprach er über den überraschenden Erfolg, über das Älterwerden und über die Weisheit von Spiderman.

Ist es okay für Sie, als 80er-Popstar bezeichnet zu werden?

Nik Kershaw: Ich habe kein besonderes Problem damit. Das ist eben die Art, wie man jemanden mit einem Label versieht. Die meisten Leute kennen mich wegen meiner Hits aus den 1980er-Jahren. Ich werde sicher niemals wieder diesen Erfolg haben und muss auch nicht unbedingt nochmal diese Medienpräsenz erleben. Ein bisschen schade ist, dass ich seitdem viel gemacht habe  –  aber die meisten Leute wissen nichts davon.

Wie erklären Sie sich selbst, warum es in diesem Jahrzehnt möglich war, so einen gigantischen Erfolg zu erzielen?

Nun, es war das Jahrzehnt, in das ich sozusagen hineingesteckt wurde, in dem ich mich bewegen musste in dem Alter, wo man sich als Musiker versucht. Es war eine aufregende Zeit, Musik zu machen, allein wegen der ganzen neuen Technik, die aufkam. Die Leute experimentierten mit den neuen elektronischen Instrumenten und Aufnahme-Möglichkeiten. Gleichzeitig glaube ich, dass die Vielfalt damals größer war: Musiker waren beeinflusst von Jazz und Rock und Pop und Folk und nahezu jeder konnte im Radio landen und eine breite Öffentlichkeit erreichen. Heute muss man eine bestimmte Kategorie bedienen und wird dann auf einer bestimmten Station gespielt – und wenn du bei iTunes bist, dann musst du das Eine oder das Andere sein und es gibt wenig Raum für Zwischentöne.

Was waren Ihre ersten musikalischen Einflüsse?

Am Anfang war es ziemlich verwirrend: Meine Eltern waren klassische Musiker und das lief die ganze Zeit Zuhause. Die erste Pop-Platte, an die ich mich erinnere, war von Simon & Garfunkel. Ich habe sie immer und immer wieder gehört. Dann bin ich durch viele Phasen gegangen: Ich habe viel Rock gehört, dann war es Reggae, dann Jazz, Fusion, dann Progressive Rock. Und ich habe viel von diesen Sachen nachgespielt bevor ich selbst Songwriter wurde und meinen ersten Plattenvertrag bekam.

Ihr Vater war Architekt, ihre Mutter hat sich als Opern-Sängerin versucht. Ist das die perfekte Voraussetzung, um ein Songschreiber  –  oder sagen wir  –  Song-Konstrukteur zu werden?

Ich mag das Konzept eines Song-Konstrukteurs. (lacht) Ja, mein Vater war nicht nur Architekt, sondern spielte auch die Flöte – und die Musik war bei uns immer da. Ich denke, kein Songwriter kann in einem Vakuum komponieren, man muss mit dem arbeiten, was man mit auf den Weg bekommt.

Ihr aktuellstes Album „Eight“ ist von 2012. Was haben Sie in den letzten sechs Jahren getan?

Zugegeben, die Arbeit an einem Nachfolger beschäftigt mich jetzt schon länger als gedacht. Ich habe viel geschrieben, aber ungefähr 90 Prozent wieder verworfen. Man will sich ja nicht wiederholen, will neue Harmonien und Themen für die Songtexte finden. Aufnahmeprozesse werden schwieriger, umso älter man wird. Daneben komponiere ich auch Musik für Film- und TV-Produktionen – aber ich schließe mich generell nicht mehr jeden Tag im Studio ein, dafür bin ich einfach zu alt.

Das erinnert mich an Ihren Song „Shoot Me“ vom Album „Eight“. Er klingt ein bisschen so, als würden sie das Älterwerden hassen…

Das stimmt nicht ganz. Es geht eher darum, wie ich mich als Teenager und in meinen frühen Zwanzigern fühlte, wenn ich ältere Leute und ihre Schrullen sah, wie sie nicht mehr im Leben standen und sich selbst scheinbar aufgegeben hatten. Deshalb der Refrain: „Erschießt mich, wenn ich so werde…“ Langsam komme ich in das Alter, wo Leute mich vielleicht so wahrnehmen, aber ich denke: Was soll’s? Ich habe eine gute Zeit!

Wie werden Sie auf Ihrer aktuellen Tour spielen, die man auch in Bochum erleben kann?

Da spiele ich mit Band, das volle Programm. Jeder Musiker geht durch die Erfahrung, dass er seine Hits anders spielen will und die Arrangements ändert. Das kam bei mir als ich Ende der 1990er-Jahre wieder anfing, Konzerte zu spielen. Aber irgendwann geht man wieder zurück zu den Wurzeln, zu der Gestalt der Songs, die das Publikum kennt und liebt. Das ist der Vertrag, den du mit deinen Fans abgeschlossen hast. Und es macht wieder richtig Spaß, sie genauso live zu spielen.

Was brauchen Sie, um neue Songs zu schreiben?

Ich habe lange versucht, das rauszufinden. Ich glaube tatsächlich, dass es nicht so sehr darum geht, glücklich zu sein. Man kann in der dunkelsten Stimmung feststecken und plötzlich einen phantastischen Song schreiben. Das Drama im Leben hilft dir also für den kreativen Prozess – und ich glaube, das Problem gerade ist, dass ich mit meiner Familie so glücklich bin.

Das tut mir leid.

(lacht) Das muss es nicht.

Hören Sie noch aktuelle Popmusik?

Es geht mir wie vielen anderen in meinem Alter: Ich setze mich selten hin und höre einfach Musik wie ich das als Kind stundenlang getan habe. Es fehlt schlicht die Zeit. Ich habe wieder geheiratet, habe eine junge Familie. Es gibt eigentlich nur die Autofahrten mit Musik-Streaming über Bluetooth.

Haben Sie auch das Gefühl, dass aktueller Pop wieder politischer wird?

Ich denke, es ist etwas dran an dem, was Spiderman sagt: „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung.“ Wenn man große Bekanntheit und Einfluss auf Menschen hat, dann möchte man das einsetzen, um etwas Gutes zu tun und eine positive Veränderung zu erwirken. Ich denke natürlich auch politisch, aber künstlerisch bearbeite ich nicht die großen geostrategischen Zusammenhängen, sondern eher den Nahbereich: Ich schreibe über Menschen, ihre Beziehungen untereinander, über das Älterwerden. Es wäre mir zu simpel, einen Donald-Trump-Song zu schreiben. Wobei ich in der Vergangenheit mal einen George-Bush-Song geschrieben habe… Aber ich will meinen Einfluss auch nicht überschätzen. Ich weiß nicht, ob ich in meinem Alter noch den Unterschied machen kann.

Welchen Auftritt haben Sie am besten in Erinnerung?

Da gab es sehr viele sehr besondere. Sowohl auf großen Festivals als auch in intimen Clubs. Live Aid 1985 zusammen mit Größen wie Queen zu spielen war natürlich phantastisch. Aber generell bin ich ein Mensch, der sich fast lieber im Studio sieht als auf der Bühne. Vielleicht weil ich ein bisschen ein Kontroll-Freak bin. (lacht) Auf der Bühne habe ich manchmal Angst, Songtexte zu vergessen oder frage mich, ob der Typ in der dritten Reihe überhaupt hier sein will oder nur von seiner Freundin überredet wurde. Aber diese Phasen inmitten eines Auftritts, wenn man total im Fluss ist, voll im Moment aufgeht, das ist einfach fabelhaft.

Als der Erfolg Mitte der 1980er für Sie so plötzlich kam, war es sicher nicht einfach, damit umzugehen. Was würden Sie jungen Popstars heute raten, die an derselben Stelle stehen?

Ich glaube, heute ist es noch schwieriger, weil es Dinge wie Twitter gibt und man gar keine privaten Momente mehr hat. Für mich war es damals wie auf einen führerlosen Zug aufzusteigen. Niemand kann dich darauf vorbereiten, was passiert. Von heute auf morgen wollte jeder ein Stück von mir. Aber ich wollte den Erfolg ja, hatte darauf spekuliert. Mein Rat ist ganz simpel: Wenn es passiert, wenn du in der Mitte der Blase bist, genieß es. Erlaube dir den Gedanken, dass du es verdienst. Es kann morgen vorbei sein.


NIK KERSHAW | special guest Robin Beck

» Freitag 27. Juli 21:00 Uhr
» Einlass 20:00 Uhr
» Parkhaus P3 direkt nebenan hat bis 00:30 h geöffnet! 
» VVK 43,00 €