Michael Wollny, Heinz Sauer und ein improvisierender Gott

Jazz und Theologie, ein bisschen

Michael Wollny und Heinz Sauer 2013 in der Christuskirche | (c) Heinrich Brinkmöller-Becker

Alle denken immer, wenn es Gott gibt, müsse er allmächtig sein und wisse seit ewig, wie es ausgehen wird mit uns. Wenn man Wollny & Sauer zuhört, lässt sich Gott anders denken: Könnte es sein, dass auch Er improvisiert?

„Ein Improvisator“, schrieb Michael Wollny kürzlich, „bereitet sich ein Leben lang auf Situationen vor, in denen er Dinge zum ersten Mal macht. Und in denen Dinge, wenn sie einmal gesagt sind, nicht mehr zurückgenommen werden können.“

Das Urmodell einer Improvisation wäre also: Es werde Licht, es ward Licht, und es ging nicht mehr aus  –  Gott ein Jazzer? Der vorhersehen konnte, dass er nicht vorhersehen kann? Dann wäre er das Risiko eingegangen, dass es auch schief gehen könnte, dass es keine Auflösung gibt in Dur und keine Erlösung im Himmel. In der jüdischen Theologie ist der Gedanke nicht neu, für die Kunst hat Wollny ihn so formuliert:

„Die Kunst eines Improvisators beruht auf einer souveränen Entscheidung, sich Situationen auszusetzen, die man nicht bis ins letzte Detail überblicken will oder vorformulieren muss.“

Situationen also, in denen ein Souverän lernen muss zu improvisieren.

Dass Gott, der Souverän per se, ein lernender Gott sei und dass zu Seiner Vollkommenheit die Unvollkommenheit zähle, ist in der christlichen Tradition ein ungeduldeter Gedanke und in der muslimischen ein ungehöriger, in der jüdischen ist er unverzichtbar. Beispiel:

Das Wort chuzpe bezeichnet ein anmaßendes, immer aber anti-autoritäres Verhalten, „eine Mischung aus intelligenter Unverschämtheit, charmanter Penetranz und unwiderstehlicher Dreistigkeit“, so umschreibt es Wikipedia. Das erste Wesen, das ein solches Verhalten an den Tag gelegt hat, war die Schlange im Garten Eden, sie warb um die ersten Menschen. Der erste Mensch, der Chuzpe bewies, war Abraham, er bewies sie bereits dem Himmel gegenüber:

Die Geschichte in 1 Mose 18, die das erzählt, ist großartig, in ihr wird ein Grundprinzip des Rechts ausgehandelt. Anlass sind Sodom und Gomorrha, zwei Stadt-Regime, in denen das Recht  –  zumal das eines Fremden  –  nichts gilt. Die Geschichte beginnt damit, dass Gott ein Ermittlungsverfahren einleiten will:

„Ich will hinfahren und sehen, ob sie alles getan haben nach dem Geschrei, das vor mich gekommen ist, oder ob’s nicht so sei.“

Aber noch bevor die Ermittlung beginnt, stellt sich Abraham in den Weg und fragt, wie denn die Ergebnisse gewichtet werden möchten: 

„Es könnten vielleicht 50 Gerechte in der Stadt sein. Wolltest du sie umbringen und dem Ort nicht vergeben um fünfzig Gerechter willen, die darin wären? … Sollte der Richter aller Welt nicht gerecht richten?“

Das ist Chuzpe. Und Gott? Gibt Abraham recht.

„Finde ich 50 Gerechte zu Sodom in der Stadt, so will ich um ihretwillen dem ganzen Ort vergeben.“

Und jetzt geht es weiter, Abraham gibt nicht bei, er schlägt nicht etwa vor, man solle die 50 Gerechten schon mal evakuieren  –  damit wäre die Zahl 50 als Maßstab gesetzt  –  sondern er setzt die 50 wie einen Faustpfand ein und verhandelt weiter mit charmanter Penetranz:

„Es könnten vielleicht fünf weniger als fünfzig sein …“

Gott akzeptiert auch die 45, er akzeptiert die 40, dann 30, dann 20, am Ende sind es 10 Gerechte, die ein Regime vorm Untergang bewahren können. Der entscheidende Punkt dabei sind aber auch hier nicht die 10, sondern dass sich Mensch und Gott auf ein Prinzip einigen, nämlich auf den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit: dass es tatsächlich gerechter sei, wenn viele entkommen, die schuldig sind, bevor die Wenigen leiden, die unschuldig sind. Unschuld bedeutet mehr als Schuld, sie könnte –  das ist die Hoffnung  –  mehr bewirken in der Welt. 

Einsichten wie diese haben wir  –  und hat Gott  –  durchs Improvisieren gewonnen, durch situatives Reagieren. Nicht durch Rechtsetzung, sondern durch Rechtsprechung: „Das gesprochene Wort“, schreibt Wollny, „ist das Instrument der Improvisatoren.“

Und damit lässt sich ein Bogen schlagen zu einem anderen Juden, der die Frage, was Gerechtigkeit sei, mit einiger Konsequenz weitergedacht hat und der dann mit der Staatsmacht verhandeln musste über die Frage, ob es gerecht sei, wenn diese Macht ihn, Jesus, ans Kreuz nageln würde. Nach staatlichem Recht war die Kreuzigung Jesu rechtens, gerecht war sie nicht: Einer wird für das, was er denkt, von Staats wegen exekutiert.

Und jetzt die Frage: War Ostern eine Improvisation Gottes?

War die Neu-Belebung eines unschuldig Ermordeten eine Idee, die Gott bis dahin noch nicht hatte? Entstanden in einer Situation, die auch Gott unvorbereitet trifft? Wenn es 5 weniger als 50 sein können, könnten es nicht auch 49 weniger als 50 sein … 

Zurück zu Wollny, er beendet seinen Essay mit einem Schwenk zu Melvilles “Moby Dick” und dessen berühmtes Kapitel 42 über “Die Weiße des Wals”: Melville führt dort eine ganze Reihe von positiven Assoziationen auf, die wir mit der weißen Farbe verbinden: dass diese Farbe “auf raffinierte Weise die Schönheit” veredele und eine “königliche Überlegenheit” berge, dass sie Zeichen sei für das anrührend Erhabene  –  die Unschuld der Braut, die Güte des Alters  –  und dass sie “die Erhabenheit der Gerechtigkeit” ausdrücke. Und doch, schreibt Melville, sei es eben diese “Weiße des Wals, die mich mehr als alles andere entsetzte”. In der Weiße lauere “ein unergründliches Etwas”, etwas, das auf eine schmerzhafte Weise unfassbar bleibe:

“Dieses Unfassliche ist die Ursache, warum die Vorstellung des Weißen, wenn es aus freundlichen Beziehungen gelöst und mit etwas an sich Entsetzlichem gepaart erscheint, das Entsetzen bis zum höchsten Grade steigert.”

Übertragen auf Golgatha: Die raffinierte Schönheit des Rechts, die Erhabenheit der Gerechtigkeit, ihre königliche Überlegenheit (die in Israel über den Königen stand), das alles ist hier, auf Golgatha, aus allen freundlichen Beziehungen gelöst und mit etwas Entsetzlichem gepaart  –  mit der nackten Macht eines Imperiums, das sich für gottgegeben hält.

War es die Ohnmacht des Rechts, die Gott mehr als alles andere entsetzte? Die Leere des Unrechts, die Ihn fassungslos machte? Die banale Öde einer Macht, die den Einzelnen mordet, um sich und ihr banales Bössein zu erhalten?

Wenn, dann wäre Ostern kein Triumph der Macht, sondern ein Kapitel der Verzweiflung. “Es würde mich nicht wundern”, so Wollny*, “hätte der Autor es spontan improvisiert”.


*  Sagt Wollny über Melville und dessen 42. Kapitel. “Weiße Wale”, Wollnys Essay, erschien in der Osterausgabe der SÜDDEUTSCHEN 2018 (mit Bezahlschranke) und in MUSIK & ÄSTHETIK 01/2019 (Klett-Cotta; dort für 3 € zum Download).