Wie sie mit Juden umspringen

Querdenker und Mbembe: ein Vergleich der Vergleiche

Querdenker-Demo in Bochum Oktober 2020 | thw

Impfgegner heften sich einen Gelben Stern an, es hagelt Proteste, man stelle sich vor, Aleida Assmann erklärte uns daraufhin im DLF: „Vergleichen ist für jede kognitive Operation nötig. Wir müssen vergleichen können, wir dürfen nicht gleichsetzen.“

Schutzmaskengegner maskieren sich als KZ-Opfer, es hagelt Proteste, im DLF erklärte René Aguigah: „Vergleichen ist nicht Gleichsetzen.“

Eine 11Jährige behauptet, sie fühle sich „wie bei Anne Frank“, darauf Micha Brumlik im DLF: „Vergleich bedeutet nicht Gleichsetzung.“

Die AfD nennt das Infektionsschutzgesetz ein „Ermächtigungsgesetz“, der Leiter der Kommunikationsabteilung im Auswärtigen Amt, Andreas Goergen, winkte lässig ab: „Vergleichen ist nicht gleichsetzen.“

Die Bundesrepublik eine „Corona-Diktatur“? Wissenschaftler erklärten sich solidarisch: „Historische Vergleiche, die ja dazu dienen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Ereignissen, Diskursen und Prozessen herauszuarbeiten, sind nötig und legitim.“

Querdenker-Demo in Bochum Oktober 2020 | thw

Die Reaktionen stammen aus der Mbembe-Debatte im Sommer, die Anlässe sind aus dem Corona-Herbst montiert, ein Vergleich der Vergleicher drängt sich auf:

Mbembe wendet sich gegen „Trennungswahn“, Querdenken gegen „Kontaktverbot“. Mbembe vergleicht die Republik Israel mit einem „Apartheidsstaat“, Querdenken die Bundesrepublik mit einer „Diktatur“. Mbembe behauptet, Israel betreibe „Ausrottung“, Querdenken redet vom „Volkstod“. Mbembe hält Terror für einen „Moment der Vorherrschaft“, Querdenken sieht sich „aktiv im Widerstand“. Mbembe will „die Welt reparieren“, Querdenken „die Freiheit retten“ usw.

Die entscheidende Frage bei jedem Vergleich ist die nach dem tertium comparationis: Was ist das gemeinsame Dritte oder, mit Susan Neiman gesprochen, „wozu wird verglichen, wie wird der Vergleich benutzt“?

Antwort: Beide, Mbembe wie Querdenker, denunzieren Demokratie, sie verwischen den Unterschied zwischen Demokratie und totalitären Regimen, das ist ihr gemeinsamer Punkt.

Deshalb ist die Mbembe-Debatte in diesen Querdenker-Wochen noch einmal interessant zu erinnern: Weil man sich  –  jetzt, wo die Gesellschaft insgesamt sehr eindeutig und reflektiert auf den Querdenker-Quatsch reagiert  –  im Nachhinein fragt, wieso es diese reflektierte Reaktion nicht auch auf Mbembe gegeben hat. Warum alle die unsäglichen Vergleiche, die Mbembe zog, um eine Demokratie zu verleumden, im Sommer von nicht wenigen Stimmen durchgewunken wurden. Fast könnte man meinen, es fiele jetzt allen auf die Füße.

Was keine neue Erfahrung wäre. Wie man mit Juden umspringt, war schon immer ein Seismograph für das, was allen blüht. Möglicherweise gilt das auch für die Weise, wie mit der jüdischen Demokratie umgesprungen wird.

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Nachtrag 25.11.20: Der Präsident des thüringischen Landesamtes für Verfassungsschutz, Stephan Kramer, sagte jetzt dem RND: Die infamen Vergleiche der Querdenker seien „kein Zufall, sondern das perfide Ergebnis einer langen Kette von Diskursverschiebungen und gezieltem Geschichtsrevisionismus, basierend auf Schulungen der Neuen Rechten“. 

Nicht nur der Neuen Rechten, fügen wir an, auch eine liberale Mitte  –  Carps Ruhrtriennale  –  hat sich um eine Diskursverschiebung bemüht.

Dass die Kritik an solchen Vergleichen nun hohe Wellen schlage, „zeugt von einem funktionierenden Wertesystem der demokratischen Mehrheit“, so Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für den Kampf gegen Antisemitismus.

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