Neues deutsches Fühlen

Neuer Historikerstreit um Holocaust

Fresco eines Exorzismus in Montefalco, Umbrien | Wolfgang Sauber 2017 CC 4.0

Eine Attacke reiten ist das eine, eine Metapher reiten ein anders: Anthony Dirk Moses, Professor für Global Human Rights History in North Carolina/USA, steht im Zentrum eines neu-alten Historikerstreits. Seine Attacke, jüngst auf Geschichte der Gegenwart erschienen, zielt auf die Einsicht, dass der Holocaust ein singuläres Verbrechen gewesen ist und kein koloniales, ein antisemitisches und kein rassistisches. Moses Metapher dafür: Die Singularität des Holocaust sei nur ein frommer „Glaubenssatz“, der im „Katechismus der Deutschen“ stehe, um „Vergebung zu erlangen“. Ein solcher Jargon irritiert, Moses reitet die Metapher ungerührt zu Tode  –  und erweckt eine antijüdische Figur zum Leben, es ist die des Gottesmörders. Vielleicht ist Moses nicht der neue Mbembe, zum neuen Mel Gibson reicht es hin.

In der Genozidforschung zählt A. Dirk Moses zu den Großen, den Holocaust bezeichnet der Australier  –  die These ist originell  –  als „subalternen Genozid“, nämlich als „the destruction of the colonizer by the colonized“. Aus Sicht der Nazis, so Moses, müsse man den Holocaust als einen „‘anti-colonial‘ genocide“ verstehen.

Steffen Klävers hat Moses Konzept in seiner Studie „Decolonizing Auschwitz?“ diskutiert: Moses zufolge müsse eine koloniale Wirklichkeit „nicht zwingend in einem Herrschaftsverhältnis stattfinden“, es gebe auch Formen von „internal colonialism“. Auch wenn Deutschland gar nicht kolonisiert gewesen sei und schon gar nicht von Juden, hätten sich die Nazis   –  vom Weltkrieg traumatisiert  –  so gefühlt, als ob sie kolonisiert wären von Juden, daraus sei dann ein „‘anti-colonial‘ genocide“ geworden. Ein Auschwitz aus „Angst“, so Moses Theorie, und zwar der „Angst“ davor, von innen heraus  – „intrinsisch“  –  kolonisiert zu werden wie von einem Gift.

Die German Angst? Mehr als das, sehr viel mehr. Auf Geschichte der Gegenwart erklärt der Globalhistoriker jetzt, dass alle, wirklich

„alle Genozide durch Sicherheits-Paranoia betrieben werden“.

Wie schon „Rom und die alten Griechen“, so hätten auch die Nazis eine „kompensatorische Unternehmung“ gestartet, ihre leitenden Ideen seien gewesen: Nie wieder Krieg, nie wieder Hunger. Das Modell dafür, solche Wünsche langfristig zu realisieren, hätten sie in der Antike gefunden und davon „eine rücksichtslos moderne Version“ entworfen. Letztlich, so Moses, treibe dieses „security syndrom“ die gesamte Weltgeschichte an …

Hach ja, man kennt diese Art Globalgeschichte von Achille Mbembe, bei ihm war es ein universaler „Trennungswahn“, den er als Motor ins Weltgeschehen eingeschraubt hat, jetzt also die “Angst“, die zum „Syndrom“ werde … Klävers gibt den Spielverderber, er weist nüchtern darauf hin, dass der Aufstand gegen einen Gegner, den man kennt, etwas anderes sei als der gegen einen Geist, den man sich ohn- wie übermächtig denkt:

„Die Befreiung von einer kolonialen Herrschaft“, so Klävers, „ist nicht dasselbe wie die Befreiung von einer ‚Gegenrasse‘.“

„Der deutsche Katechismus“

In seinem Text auf Geschichte der Gegenwart, einem sehr lesenswerten Blog, setzt Moses die postkoloniale Denke nun allerdings als Goldstandard voraus: Alle Welt wisse,

„dass wesentliche Aspekte des NS-Regimes und des Holocaust durch deren Beziehung zum imperialistischen Kolonialismus überhaupt erst erfassbar werden“,

schreibt er, nur die Deutschen in Deutschland seien „provinziell“, sie würden einem „Katechismus“ folgen, einem Handbuch der Glaubenslehre. Dieser „deutsche Katechismus“ sei in zwei Auflagen erschienen, in der ersten habe gestanden, dass außer ein paar Nazis niemand mit nichts zu tun gehabt hätte, dann aber habe sich  –  ab den 70er Jahren  –  der „neue Katechismus“ durchgesetzt, und der bestehe aus „fünf Überzeugungen“, gültig bis heute:

(1) Der Holocaust sei singulär gewesen, weil ausschließlich ideologisch motiviert,

(2) die „Erinnerung an den Holocaust als Zivilisationsbruch“ bilde „das moralische Fundament der deutschen Nation“,

(3) Deutschland müsse eine besondere Loyalität zu Israel pflegen,

(4) Antisemitismus sei etwas anderes als Rassismus, weil „spezifisch deutsch“, und:

(5) Auch Antizionismus sei Antisemitismus.

Dies alles, so Moses, sei falsch, es seien keine Einsichten, sondern „Glaubensartikel“, also macht er sich nicht erst die Mühe, irgendetwas zu belegen, er attackiert ins Blaue. Thierry Chervel hat diese Art, Politik und Wissenschaft ineinander zu malen, bereits in den Senkel gestellt, hier auf Perlentaucher nachzulesen. Der Rechtsextremismus-Experte Volker Weiß hat auf FB und in der taz deutlich gemacht, wie aalglatt Moses ultrarechtes Denken hinüber gleiten lässt nach links.

An diese Kritik schließt an, was hier interessiert, nämlich in welchen Metaphern Moses spricht und was er mit ihnen transportiert.

Moses‘ Metaphysik

Auffällig zunächst, dass in Moses Modell alles, ob Wissenschaft oder Politik, aus dem Holocaust folgen soll allein deshalb, weil der als „einzigartig“ vorgestellt werde. Steffen Klävers hat in seiner Studie darauf aufmerksam gemacht, dass Moses  –  ganz wie Michael Rothberg  –  diese sog. Singularitätsthese immer nur in einer ganz bestimmten Variante zitiert, nämlich

„im Sinne einer absoluten Unbegreiflichkeit des Holocausts, die es moralisch verbiete, den Holocaust mit anderen Ereignissen der Geschichte überhaupt zu vergleichen“.

Diese Variante der Singularitätsthese sei allerdings „mehr als 40 Jahre alt“ und nie state of art gewesen, Moses dagegen gehe beharrlich davon aus, dass mit Singularität immer nur

„eine religiöse oder metaphysische Kategorie“

gemeint sei. Als eben diese Kategorie  –  als metaphysische Setzung  –  stellt Moses die Singularitätsthese nun auch in seinem „Katechismus der Deutschen“ voran: Hier, am Nullpunkt seines Textes, gewinnt er seine Metapher, dass es, wird über den Holocaust geredet, um Religion gehe; hier wird sein Glaube grundgelegt, dass es sich um „Glaubenssätze“ handele. Und von hier aus bindet er  –  Moses‘ Vater ist Priester der anglikanischen Kirche von Australien, er kennt sich aus im Brevier  –  bindet der Sohn alle seine Schlussfolgerungen in seine religiöse Begriffswelt ein. Der Reihe nach aufgelistet geht es (ohne die vielen Doppelungen) um:

Gerichtspalast des Heiligen Offiziums der Heiligen Inquisition, Mexico | GAED 2012 CC 3.0

„Häresieprozesse  –  Exorzismen  –  ‚Hohepriester‘  –  ‚Katechismus‘  –  Glaubensartikel  –  sündig   –  Vergebung  –  Heilsgeschichte  –  ‚Opferung‘  –  heiliges Trauma  –  sakrale Erlösungsfunktion  –  Gott  –  Leiden   –  neue Welt   –  Moral  –  ‚erlösenden Antisemitismus‘  –   ‚erlösenden Philosemitismus‘  –  christologisch geprägten Erlösungsnarrativ  –  ‚Wiederauferstehung‘ des Opfers  –   ‚wiederbelebt‘  –  Glauben  –  Hüter  –  Orthodoxie  –  Häresie  –  Glaubenswächter  –  moralische Hybris  –  Jagd auf Häretiker  –  priesterliche Zensoren  –  Bekenntnis zum Katechismus  –  theologisch imprägnierte Vorstellung  –  Einzigartigkeit des jüdischen ‚Opfers‘  –  das Heilige  –  verunreinigt  –  Inquisition  –  denunzieren  –  herunterbeten.“

Offensichtlich, dass die Begriffe einer christlichen, eher katholisch oder eben anglikanisch geprägten Gedankenwelt entstammen. Einige sind in Anführungszeichen gesetzt, die meisten nicht, manche sowohl als auch: Das Verhältnis zu ihrem Status  –  ob eigentlich gemeint oder uneigentlich, ob Realpräsenz oder Symbol  –  ist diffus. Bringt man sie theologisch auf Reihe, bilden sie ein geschlossenes Glaubenssystem, das Moses erst entwirft und dann behauptet, es sei nicht seins. Hat also Sinn, Moses Metaphernwelt einmal der Länge nach zu durchwandern:

Das christologische Tool

_  Ursprungsmoment der christlichen Theologie: das Kreuz. Ein heiliges Trauma für alle, die Jesus gefolgt sind, dann aber seine Ermordung nicht verhindert, also ermöglicht haben. An der Stelle des Kreuzes steht in Moses Bilderwelt der Holocaust, auch der habe ein „heiliges Trauma“ ausgelöst bei denen, die den millionenfachen Mord nicht verhindert, also ermöglicht haben.

_  Die Deutung des Kreuzes, die Paulus seinerzeit angeboten hat: Beim Tod des Juden Jesu habe es sich nicht um Mord gehandelt, sondern um ein Opfer, dieses Opfer habe erlösende Kraft, es könne vergangene Sünden vergeben.

_  Einzige Voraussetzung: Man müsse daran glauben. Daran, dass dieses Opfer aus dem ewigen Opferkreislauf erlöse; das Opfern werde durch Erinnerung ersetzt.

_  Bei A. Dirk Moses wird aus der Opferung des Juden die „‘Opferung‘ der Juden“. Er geht, ließe sich sagen, auf die antike Bedeutung des Wortes Holocaust   –  Brandopfer  –  zurück: Wer an die „erlösende“ Kraft dieses „Opfers“ glaube  –  „Millionen Deutsche“ hätten „verinnerlicht“, dass Millionen Juden geopfert seien, versichert er leichthin  – , der erlange Vergebung „für die sündige Vergangenheit“.

_  Einzige Voraussetzung auch hier: Man müsse den „Glauben“ aufbringen, dass dieser eine Holocaust von allen weiteren Holocausten befreie, die Erinnerung an die „Einzigartigkeit des jüdischen ‚Opfers‘“ erlöse davon, sich mit genozidaler Geschichte zu befassen.

_  Weiter: Wenn für Paulus hier, im Glauben an die einmalige Kraft des Opfers Jesu, die Neuschöpfung der Welt beginnt, wird bei Moses der Glaube an die „Einzigartigkeit des jüdischen ‚Opfers‘“ zum „Fundament für eine neue Welt“.

_  Und wo sich das Neue für Paulus in der Auferstehung des Opfers verdichtet, spricht Moses von der „‘Wiederauferstehung‘ des Opfers“  –  er meint den Zuzug von Juden aus der Ex-Sowjetunion, sie stellen heute an die 90 % der Mitglieder jüdischer Gemeinden.

_ Seinen neuen Glauben in der alten Welt nicht gleich zu verlieren, verlange „ständige Wachsamkeit“, auch das ein im Neuen Testament häufig wiederkehrendes Motiv.

_ In diese ‚Heilsgeschichte“ fügt Moses schließlich ein, wie er sich Kirchengeschichte denkt: „Orthodoxie … Glaubenswächter … Jagd auf Häretiker … Häresieprozesse … Exorzismen … Zensoren …“, so landet er in der Gegenwart.

Deutlich also: Die Metapher, die Moses mit seiner ersten Setzung gewonnen hat  –  dass die Singularität des Holocausts nur frommes Wünschen sei  –  zieht sich gedanklich durch, Moses spielt sie gekonnt, detailliert und variantenreich aus, er weiß, was er tut. Und tut es ohne Witz, es ist ihm ernst mit seinem „christologischen“ Tool.

Die Figur des Gottesmörders

In diese geschlossene Metaphern-Welt führt Moses nun  –  und zwar just an dem Punkt, an dem sich Metapher und Gegenwart berühren  –  eine Figur ein, die er

„selbsternannte ‚Hohepriester‘“

nennt. Das erstaunt. Nachdem er sich so kenntnisreich durch die Kirchengeschichte bewegt hat, hätte man einen Kardinal wie Giulio Antonio Santorio erwartet, er hat das Todesurteil gegen Giordano Bruno erwirkt, oder einen wie Francesco Barberini, der Kardinal war einer von denen, die das Urteil gegen Galilei nicht unterzeichnet haben, oder den Inquisitor Bernard Gui, den hat man noch aus „Der Name der Rose“ vor Augen. Oder Antonio Michele Ghislieri, der hat als Papst Pius V. das Massaker an den protestantischen Waldensern angeordnet, oder Gian Pietro Carafa aka Papst Paul IV, als er endlich starb, feierten selbst die hartgesottenen Römer. Man liest A. Dirk Moses und denkt an den einen und anderen berühmten Exorzisten oder, damit es irgendeinen Zusammenhang gibt mit Moses Metaphernwelt, an all die Präfekten des heiligen Offiziums

… der Hohepriester ist eine jüdische Figur.

Und nicht irgendeine: Bis 70 nC  –  die Römer zerstören den Tempel und jagen das Judentum in alle Welt hinaus  –  war er, der Hohepriester, höchster Repräsentant des jüdischen Volkes. Ab 70 nC gibt es keinen Tempel mehr und keine Hohepriester, mithin sind es zwei Repräsentanzen, die Moses jetzt so charakterisiert:

„Hohepriester“  –  von ihm mal in Anführungszeichen gesetzt, mal nicht  –  würden den „Katechismus der Deutschen“ bewachen, würden „öffentliche Exorzismen“ betreiben und, „anstatt Argumente zu liefern“, fällige Debatten „als Inquisition führen, Häretiker denunzieren und den Katechismus herunterbeten.“

Die Juden also. Gesetzesstarr, hinterhältig, unbarmherzig  –  ganz so, wie das Bild jahrhundertelang gemalt worden ist. Im Neuen Testament werden die Hohepriester wiederholt als Gegenspieler Jesu gezeichnet, sie hätten ihn  –  nach Dutzenden theologischen Diskussionen –  schließlich in die Hände der Römer getrieben, seien also verantwortlich für seine Ermordung. Es gibt wie immer in der Bibel auch gegenläufige Stimmen, im Römer-, mehr noch im Hebräerbrief wird Jesus selber als Hoherpriester interpretiert.

Christus vor dem Hohepriester, Öl auf Holz, 54 x 81, unbekannter Künstler deutscher Schule, ca 18. Jh

Populärer aber, was sich später in Passionen und Passionsspielen, in Kunst und Kirchen zum Bild geformt hat: Kaiphas, der Hohepriester, erscheint als intelligent, verschlagen, Strippen ziehend, hinter wallendem Bart verborgen, den Geldsack am Gürtel. Das Urmodell des Weltenlenkers, der Gegenspieler Gottes.

Den er ermorden lässt: Im Doppel mit Judas, dem Urbild des Verräters, stellt Kaiphas die Figur des Gottesmörders dar. Anders aber als Judas  –  den er der Überlieferung nach engagiert und bezahlt hat  –  personifiziert Kaiphas bereits die heimliche Macht des Judentums. Eine Macht, die selbst den Statthalter der Weltmacht  –  Pilatus  –  zur Marionette ihres Willens machen kann. Beispiel:

Mel Gibsons „Passion Christi“

2004 kam „Die Passion Christi“ in die Kinos, Mel Gibsons frommer Splatter-Film wurde zu einem der kommerziell erfolgreichsten Filme aller Zeiten, ein „filmischer“ –  und theologischer  –  „Mummenschanz“, wie der SPIEGEL schrieb:

„Am miesesten führt sich der Hohepriester Kaiphas auf, der es auf Jesus abgesehen hat. Gemessen an ihm ist Shylock eine Lichtgestalt. Kaiphas bringt den römischen Statthalter Pontius Pilatus dazu, über Jesus das Todesurteil zu fällen, obwohl der nette Römer von Skrupeln geplagt wird. „Was ist die Wahrheit?“, fragt er und „Was soll ich tun?“ –„Kreuzige ihn!“, schreit Kaiphas, und Pilatus führt den Befehl am Ende aus.“

Pilatus, für seine brutale Amtsführung derart berüchtigt, dass Rom ihn schließlich abberief, werde, so der TAGESSPIEGEL,

„zur humanen und intelligenten Lichtgestalt gegenüber dem Hohenpriester Kaiphas, einem schmutzig gekleideten, fusselbärtigen Juden mit schlechten Zähnen. Nicht nur schleicht Satan, ein androgynes Wesen mit Männerstimme, in zwei seiner vier Auftritte in Zeitlupe durch die Reihen der Juden Jerusalems, als seien sie sein Volk. Auch der rasende Sadismus der römischen Schergen (…) verweist immer auf die Verantwortung der Juden, deren Wunsch sich in der Kreuzigung erfüllt.“

Der Theologe Michael Wermke sprach im Magazin für Theologie und Ästhetik von einer

„immanenten antijudaistischen Tendenz. Die hier zu den Wortführern des jüdischen Volkes stilisierten Pharisäer unter Anführung des Hohepriesters Kajaphas betreiben die Hinrichtung Jesu weniger, weil sie in ihm einen unruhestiftenden und damit auch ihre Machtstellung angreifenden falschen Messias sehen, sondern weil sie in ihm tatsächlich den Messias, den König der Juden, den ‚Sohn Gottes‘ erkannt haben. Die Juden, so der Film, sind die Gottesmörder.“

Und der Hohepriester ist ihr erster Repräsentant. Warum um alles in der Welt baut Moses diese Figur des Gottesmörders, Urmodell jüdisch-geheimer Macht, in seine Metaphern-Welt ein?

Kaiphas mit Geldsack am Gürtel: Christusfenster (Ausschnitt) im Kölner Dom (1562) | Doppelklecks CC 4.0

Will er andeuten, dass es die Juden seien, die heute das Denken in Deutschland bewachen? Die ihre Anklagen herunterbeten und Unschuldige denunzieren und Häresieprozesse führen gegen Moses so wie Kaiphas gegen Jesus, als den sich A. Dirk Moses stilisiert?

Ist das gemeint mit „internal colonialism“? Leiden die Deutschen schon wieder unter demselben Syndrom? Klingt überinterpretiert.

Neues Welterklärungsmodell?

Nur ist es Moses selber, der aus seiner Metaphern-Welt heraus handfeste Schlüsse zieht  –  es sind genau diese. Eben noch hätten sich die Deutschen, schreibt er, von Juden kolonisiert gefühlt, heute fühlten sie, dass

„die nationalsozialistische Moral negiert werden (muss): statt ‚erlösender Antisemitismus‘[1]–  ‚erlösender Philosemitismus‘“.

Wenn dies laut Moses das neue deutsche Fühlen ist, wer mag es sein, der dieses Fühlen heute überwacht? Juden wie Dan Diner, antwortet Moses. Wörtlich:

„Für den Historiker Dan Diner nimmt der Holocaust als Zivilisationsbruch den Platz ein, der vormals Gott zukam.“

Das ist keine Polemik mehr und kein uneigentliches Sprechen. Moses Attacke zielt auf die Singularität des Holocaust, Saul Friedländer meiert er im Vorbeigehen ab, Dan Diner ist der einzige, den er frontal angeht. Und den er kaum kaschiert als Gott angeht, als falschen Gott, als Hohenpriester. Ein Codewort erwacht zu neuem Leben.

Volker Weiß hat historisch verortet, wo sich der Historiker Moses mit sowas rumtreibt: linksaußen bei Kunzelmann, rechtsaußen bei Sieferle. Und mittendrin: der ganz normale Judenhass, religiös codiert. Alle Spielarten des Antisemitismus vereint, der linke und rechte, der religiöse und religionskritische, der sekundäre wegen Auschwitz und der, der sich auf Israel richtet. Von allem ein bisschen  –  ist das die neue, die postkoloniale Denke?

Ein Welterklärungsmodell, wie eine Hängematte aufgespannt zwischen Holocaust und Israel?

Moses wird derzeit debattiert, Diskurse über Judenfragen wirken nach eigenen Regeln, das hat Eva-Maria Ziege gezeigt. Nach zwei drei Tagen jetzt weist Thierry Chervel darauf hin, dass die religiöse Metapher  –  „Bekenntnis“, „Glaube“  –  gerne aufgegriffen und durchgekaut wird, der Diskurs verlagert sich. Wenn Glaube etwas kann, dann Gegensätze vermitteln, das ist mehr als ein Spiel mit Metaphern. Was Moses ausgerufen hat: den status confessionis.

Fatal. „Der neutestamentliche Satz ‚Wer nicht für mich ist, ist wider mich'“  –  so hat Adorno über diese Art Bekenntniszwang festgestellt  –  „war von jeher dem Antisemitismus aus dem Herzen gesprochen.“ 

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ANMERKUNGEN

[1] „Erlösungsantisemitismus“ ist ein Begriff von Saul Friedländer, was Moses auch anmerkt. Soweit ich das sehe, ist der Begriff hierzulande erst 2006 in die öffentliche Diskussion gekommen. Friedländer, 1932 in Prag geboren, hat, auf sich allein gestellt, in einem katholischen Internat in Frankreich überlebt  –  im Katechismus geschult, getauft, ein „frommes Kind“, wie er von sich sagt. Ihm jetzt um die Ohren hauen, sein Begriff des Antisemitismus sei „christologisch geprägt“, ist beschämend.

PS | Am Ende wäre eigentlich daran zu erinnern, dass es eine jüdische Theologie nach Auschwitz gibt, eine, die versucht, das Unbegreifliche theologisch zu begreifen. Es sperrt sich was dagegen, Denker wie Emil Fackenheim oder den kürzlich verstorbenen Richard Rubenstein gegen einen Scharlatan wie A. Dirk Moses zu stellen.