Chorwerk Ruhr und die Mysterien

Verstörend aktuell: André Caplets "Mystères du Rosaire"

Suzanne Valadon, Der Geigenkasten, Paris 1923; Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris

Ukrainer, die ihr Leben geben, um Putins Terror zu stoppen, Israelis, die ihr Leben geben, um Hamas-Terror zu stoppen, Chorwerk Ruhr besingt Mysterien.

André Caplet war gerade zum Leiter der Pariser Oper berufen worden, als der Erste Weltkrieg ausbrach, der 38jährige meldete sich zum Militär, wurde bei einem Gasangriff schwer verletzt, hat das Gemetzel durchlebt. Seinen Beruf, das Dirigieren, musste er aufgeben, im Ersten Weltkrieg sind mehr als 1,3 Millionen französischer Soldaten gefallen. In dem Jahr, in dem Frankreich das Ruhrgebiet besetzt  –  in Deutschland beginnt ein Krisenjahr wie keines zuvor, gleichzeitig beginnen die Roaring Twenties  – , 1923 also schreibt Caplet ein Werk, mit dem er versucht, den immensen Schrecken etwas entgegen zu setzen, die grauenhaften Bilder im Kopf zu übermalen. Eine Gegenwelt, die er erschließt, indem er das Leben eines Juden erzählt, wie es sich in den Augen seiner Mutter gespiegelt haben mag.

Das Leben Jesu als eines von Millionen, das in den Augen von Millionen Müttern verendet und zu der Frage zwingt, welcher Sinn daraus erstehen mag. Es ist die Frage, der Caplet nicht ausweichen kann, er hatte sich freiwillig zum Militär gemeldet und sein Leben aus freien Stücken hineingegeben in einen Krieg, der keinem nichts gebracht hat, aber allen Leid und Tod. Das ist heute anders, wer Putin entgegentritt und dem Terror der Hamas, hat jeden guten Grund auf seiner Seite, allen gemeinsam aber die Frage, was es ist, das einem Menschen innewohnt, der sein Leben hingibt.  Freiwillig, wie Serhij Zhadan es gerade tut. André Caplet war Schüler, dann Freund von Claude Debussy, aber anders als dieser tief katholisch gestimmt. Um das Mysterium zu ergründen, hat sich Caplet an den „Mystères du Rosaire“ orientiert, den „Mysterien des Rosenkranzes“, Debussy dagegen  –  im Weltkrieg an die Heimatfront versetzt  –  hat die „geheimnisvolle Natur“ zu seiner Religion gemacht, „je me suis fait une religion de la mystérieuse nature“. Was ist es, das einen Menschen dann dazu bringt, sein Leben aufs Spiel zu setzen für andere? 101 Jahre später:

Andrè Caplets Oratorium, mit Streichorchester plus Harfe so knapp wie eigenartig instrumentiert, wird selten aufgeführt, es stellt enorme Ansprüche an die Stimmen, ausschließlich Frauenstimmen. Dass Chorwerk Ruhr höchsten Anforderungen genügt, ist bekannt, unbestritten zählt das Ensemble zu den internationalen Spitzen-Chören, Chorwerk sei „Synonym für künstlerische Exzellenz“, so die Fachpresse. Dirigiert werden der Chorwerk-Frauenchor zusammen mit dem Kammerorchester Les Essence von Julia Selina Blank: In der Chorwelt genießt die 34jährige Deutsch-Norwegerin einen euphorisch guten Ruf, seit Florian Helgath die Geschicke von Chorwerk Ruhr leitet, hat das Ensemble immer Wert darauf gelegt, hochbegabte Dirigenten vorzustellen.

Jetzt dieses Chorkonzert in diesen Zeiten, als sei es ein Gespräch über Bäume, „zufällig bin ich verschont.“ Chor, Ensemble, Auditorium, alle sind wir jene Nachgeborenen, die Bertold Brecht gemeint hat, alle leben wir selber in finsteren Zeiten. Brecht hat sein Gedicht darauf verwettet, dass es eines Tages „soweit sein wird, dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist“, die Wette lässt sich nicht wieder und wieder verlieren. Bring them home now.

Was uns heute dagegen mit Brecht verbindet, sein Satz, dass „auch der Zorn über das Unrecht die Stimme heiser (macht).“ Keine Kriegsbegeisterung nirgends, nichts von dem, was die Kulturwelt 1914 weggeschwemmt hat, auch Caplet und Debussy. Wenn sich Serhij Zhadan, der Friedenspreisträger, jetzt an die Front gemeldet hat, sei dies ein „Ausweis von Verzweiflung“, schreibt Andreas Platthaus in der FAZ: „Zhadan setzt sein Leben ein, wo die westliche Politik nicht einmal Material liefern will. Im Juli 2022 hatte er gedichtet: ‚Wie kannst du jetzt fluchen auf die Last / des Zufalls, der dich in den / kalten Wind der Geschichte stellt?‘ Der Wind ist noch kälter geworden, der Krieg heißer, wer von Einfrieren phantasiert, heizt ihn an.”


CHORWERK RUHR

Sonntag 14. April | 17:00 Uhr

ANDRE CAPLET | 1878-1925
Le miroir de Jésus. Mystères du Rosaire
für Mezzosopran, Frauenchor, Harfe und Streicher

durchflochten mit Sätzen aus

JOHANN SEBASTIAN BACH | 1685-1750
Tilge, Höchster, meine Sünden, BWV 1083
Bearbeitung nach dem Stabat Mater von Giovanni Pergolesi

Mezzosopran: ULRIKE MALOTTA
CHORWERK RUHR (Damen)
LES ESSENCES
Dirigentin: JULIA SELINA BLANK

Einlass 16:15 Uhr | VVK 26/13 € zzgl. Gebühren | Tickets hier klicken sowie in 3000 VVK-Stellen bundesweit