Brauchen wir jetzt immer Rassisten am Tisch?

Kultur-Intendanzen fordern "Weltoffenheit"

„Wir sind Bochum“: Demo gegen Rechts am 25. Oktober 2008 | (c) Ayla Wessel

Man stelle sich vor: eine Theaterbühne, ein Podium, ein oder zwei People of Colour stoßen dazu, schon stehen zwei andere auf und gehen. Nicht leise, sie brüllen „Boykott!“ und fordern das Publikum auf, den Saal zu verlassen. Das Publikum? Winkte ab. Daraufhin erklärte die Diskussionsleitung:

„Weltoffenheit, wie wir sie verstehen, setzt eine politische Ästhetik der Differenz voraus, die Anderssein als demokratische Qualität versteht und Kunst und Bildung als Räume, in denen es darum geht, Ambivalenzen zu ertragen und abweichende Positionen zuzulassen.“

Schwer verschwurbelt, aber letztlich klar: Wer People of Colour boykottiert, weil sie am selben Tisch sitzen, sollte nicht darauf rechnen, auch zur nächsten Tischrunde eingeladen zu werden. 

Nein, riefe da die Diskussionsleitung, die Mahnung zur „Weltoffenheit“ richte sich doch nicht an die Rassisten! Sondern ans Publikum.

Erst der Rassismus sei doch jene „Ambivalenz“, die zu „ertragen“ sei. Und erst der echte Rassist bürge für jene „kritische Reflexion“, die aus keinem „kritischen Dialog ausgegrenzt“ werden dürfe. Da erst beginne die Freiheit der Kunst. Und der Wissenschaft. „GG 5.3.“

Und dann stelle man sich vor, das Publikum wundere sich darüber, warum Rassismus demokratisch sein soll. Und ob man denn einen Impfstoff kriegte gegen Corona, sollten wir Özlem Türeci und Ugur Sahin boykottieren. Und bekäme folgende Antworten:

Erstens, sagten die Debattenintendanzen, seien just die Leute, die People of Colour boykottierten, besonders „wichtige lokale und internationale Stimmen“, und zwar in „Künsten und Wissenschaften“.

Zweitens gäbe es „Besonderheiten der deutschen Vergangenheit“ und hier eine „relativ zögerliche Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte“, deswegen bräuchten wir immer Rassisten am Tisch, Fachleute halt.

Drittens gehe es um die „Öffnung für alternative Weltentwürfe“ … 

… und dann, die „weltoffene Gesellschaft“ vor Augen, stellte man fest, die beiden People of Colour, von den Intendanzen mit keinem Blick mehr bedacht, wären leise aus dem deutschen Theater gegangen.

Das ist die Situation jüdischer Menschen in Deutschland.

(Alle Zitate aus dem „Plädoyer der ‚Initiative GG 5.3 Weltoffenheit‘“). 


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