Hip = antisemitisch?

Ruhrtriennale hat ein Problem, wir haben es auch.

Jahrhunderthalle Bochum by Jonak Lochmann (c)

Im letzten Jahr waren sie die Headliner unter den Antisemiten, die das Pop-Kultur Festival in Berlin „boykottiert“ haben. In diesem Jahr sind sie Headliner der Ruhrtriennale. Zitat: „Young Fathers – das erfolgreiche schottische Trio – sind zurück!“ Eine Gedankenlosigkeit? Absicht? Ein Problem. Ein massives.

Die Ruhrtriennale, das öffentlich finanzierte „Festival der Künste“, hat jetzt ein Programm vorgelegt, das hohe Ansprüche an die politische Moral  –  die eigene und nicht nur die des Publikums  –  formuliert. Für Stefanie Carp, die neue Intendantin, geht es darum,

„die Veränderung aller sozialen und kulturellen Verhältnisse kreativ mitzugestalten … Wir wollen in offenen Gesellschaften leben …“

Also: kein Kollegah, kein Farid Bang, kein Echo vergangener Echos, sondern:

Wir entwickeln neue Aufmerksamkeiten.“

Und dann eine Band reloaded, die  –  das berichten heute zeitgleich die Ruhrbarone  –  sehr viel Aufmerksamkeit entwickelt hat dafür, dass sie sich explizit zu BDS bekennt? BDS ist übersetzt „Boycott, Divestment and Sanctions“ und ist

„eine zutiefst antisemitische Bewegung“

so etwa Frankfurts Bürgermeister Uwe Becker. Die Stadt Frankfurt hat jede Zusammenarbeit mit Gruppen und Einzelpersonen, die BDS unterstützen, per Magistratsbeschluss untersagt, die Stadt München ebenso, die Stadt Berlin prüft derzeit ein „rechtssicheres Raumvergabeverbot“, in Bochum dagegen schließt man die Jahrhunderthalle auf? „Eines der außergewöhnlichsten Festspielhäuser Europas“?

Träger der Halle ist derzeit noch das Land NRW. Das Land ist auch  –  zusammen mit dem Regionalverband Ruhr  –  Gesellschafter der Kultur Ruhr GmbH, sie wiederum programmiert die Ruhrtriennale. In eben diesem Land NRW haben sich, was BDS angeht, die politischen Kräfte positioniert:

_ Die CDU hat bereits 2016 auf ihrem Bundesparteitag die BDS-Kampagne als „eindeutig antisemitisch“ verurteilt.

_ Die Grünen in NRW haben im Januar beschlossen, man werde sich „entschieden auf die Seite der offenen Gesellschaft“ stellen: „Wir werden keine Veranstaltungen (mit-) ausrichten oder unterstützen, bei denen sich positiv auf die BDS-Bewegung bezogen wird.“

_ Der SPD in Berlin hat beschlossen: „Wir fordern die SPD-Gliederungen auf, sich nicht an der BDS-Kampagne zu beteiligen oder Formate (Veranstaltungen, Ausstellungen, Demonstrationen usw.), an der die BDS-Bewegung beteiligt ist, zu unterstützen.“ Eine entsprechende Initiative hat die SPD-Fraktion im Kölner Stadtrat ergriffen.

Sind ein paar Beispiele, ich hab nur etwas gegoogelt, klar wird: BDS ist ein Thema der Politik. Und es ist eines der breiten Öffentlichkeit: Als die Young Fathers im August 2017 erklärten, sie könnten in Berlin nicht auftreten, weil sie dann in die Nähe von Israel geräten, deren Regierung das Festival für 500 € gekapert habe usw., als sie dieses komplett paranoide Zeugs erklärten, ging das durch alle Medien, große wie kleine, selbst Kulturstaatsministerin Grütters sah sich veranlasst, vorsichtig Stellung zu beziehen. Und jetzt, keine 10 Monate später:

„Young Fathers sind zurück!“

Als sei deren „Boykott“ der Pop-Kultur 2017 zum Bewerbungsschreiben geworden für die Ruhrtriennale 2018. Haben die drei Schotten  –  deren Musik in der Tat phänomenal gut ist  –  in der Zwischenzeit vielleicht etwas begriffen? Öffentlich offenbar nichts, sie geben verblasene Theorien zum Besten [Boykott heißt ihnen, „wir wollen einen Dialog ermöglichen” und „indem wir vor Ort weder gespielt noch gesprochen haben, haben wir einen weitaus größeren Dialog angeregt“ und dgl. Nonsens] und geben sich ausdauernd antirassistisch, immer das breite Bündnis im Blick. Jens Balzer:

„Kann man gegen Rassismus rappen, wenn man gleichzeitig Antisemiten unterstützt? Seit sich die Young Fathers im letzten Jahr zu Parteigängern der BDS-Kampagne machten, ist ihr politisches Engagement unglaubwürdig.“

Balzer hatte 2017 für DIE ZEIT den antisemitischen Kulturboykott als Pop-Phänomen analysiert, eine Lektüreempfehlung nicht nur fürs Headquarter der Ruhrtriennale heute. Kurzer Rückblick: 2013 bereits hatte die Ruhrtriennale Massive Attack auf die Bühne gestellt, das Duo ist  –  neben dem eingefleischten Roger Waters, dem die ARD-Anstalten jetzt doch einmal die Promo für seine antisemitische Leidenschaft entzogen haben  –  die eigentliche Premium-Band im Portfolio von BDS. Und auch das war 2013, als Massive Attack von der Ruhrtriennale präsentiert wurde, längstens bekannt. Die Frage ist:

Wie aus dieser Nummer rauskommen?

Ich bin selber Konzertveranstalter, ein bisschen kenne ich das Geschäft, wenn mir das passiert wäre … dass mir Leute ins Programm rutschen, die alle ästhetischen Kriterien erfüllen und alle Standards des politischen Bewusstseins bis auf die Tatsache, dass sie Antisemiten sind … Die Optionen, die mir einfallen, einmal durchgespielt:

Jahrhunderthalle Bochum by Jonak Lochmann (c)

1. Option: Konzert absagen. Wenn Young Fathers es sich leisten kann, in Berlin abzusagen, weil ihnen Israel nicht passt, wird die Ruhrtriennale es sich leisten können, ihnen in Bochum abzusagen, weil Antisemitismus hier nicht passt.  –  Der Effekt einer Ausladung: wäre die Einladung, sich in die Opferrolle zu werfen.

2. Option: Israelische Botschaft bitten, 500 € Reisekostenzuschuss zu geben.  –  Den Effekt: wird es nicht geben, Antisemitismus ist das Problem, das wir selber lösen müssen.

3. Option: Darauf hoffen, dass die Young Fathers, wenn sie hier spielen, ihre antisemitische Weltsicht für sich behalten.  –  Effekt: dass alle, die vor der Bühne stehen, sehr wohl wissen, um was es geht, nämlich um das, was Antisemitismus seit jeher getragen hat, das stille Einverständnis.

4. Option: Ein „Panel“ an das Konzert anschrauben, einen „Dialog anstoßen“ … nur mit wem? Mit drei Schotten, die nie in Israel waren und nie dahin wollen, aber bestens Bescheid wissen?  –  Der Effekt: PR für antisemitische Wellness.

Ich weiß es nicht. Was ich weiß: Die Ruhrtriennale ist toll, ein Feuerwerk der Sinne und des Sinns, wir arbeiten hier ja nicht zufällig mit Chorwerk Ruhr zusammen. Und das andere: dass, sobald man sich auf dem freien Markt bewegt, alle das gleiche Problem haben. Wäre billig, der Politik die Verantwortung zuzuschieben, indem man auf irgendein „rechtssicheres Raumvergabeverbot“ warten würde. Noch billiger, sich eine „Ethik-Jury“ anzulachen wie es doch eben erst zur Lachnummer geworden ist für alle einschließlich der Ethik selber.

Das wäre also meine Option: dass wir, die veranstalten, uns zusammen setzen und überlegen, wie wir es lösen können, das Problem, das wir alle haben. Das einmal als Offerte im Desaster.


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