Stoppt den Terror, stoppt BDS!

Thomas Wessel: Rede auf der Kundgebung “Kein Support für BDS auf der Ruhrtriennale”

Adam Jones, Ph.D. 2013 (cc)

Die Christuskirche kann man von hier aus sehen, es ist eine Kulturkirche, wir haben so viele Besucher im Jahr wie die Ruhrtriennale. Der Weg dahin ist kurz, es sind vielleicht 800 Meter, so unmittelbar ist das Interesse, das ich habe, nämlich keine Lust, dass diese Leute vom BDS demnächst vor meiner Kirche stehen. Ich will sie nicht in meinem Programm, ich möchte nicht, dass wir erpressbar werden, so wie die Ruhrtriennale erpressbar geworden ist. Dazu 5 + 1 Punkte:

(I) TICKET-DENKEN

Von BDS  –  so hat Frau Carp es uns anfangs erklärt  –  habe sie noch nie gehört. Zwei Wochen später erklärte sie: Es werde eine Kampagne gegen die Ruhrtriennale gefahren, sie müsse nachgeben. Und dann, wieder zwei Wochen später, erklärte sie, ohne BDS könne sie eigentlich gar kein Programm mehr machen, ein deutsches vielleicht, kein anspruchsvolles.

Das ging schnell. Von „keine Ahnung“ zu „Ich kann nicht ohne“. Und jetzt einen kleinen Schritt weiter gedacht: Wir wissen jetzt, BDS erpresst Künstler, BDS erpresst Intendanzen, BDS greift direkt ein ins Programm  –  ist es vorstellbar, dass BDS auch ins Ticketing übergreift? Dass diese Leute einen direkten Zugriff gewinnen aufs Publikum?

Auch das wäre ein kurzer Weg. Stellen Sie sich vor, Sie kaufen ein Ticket: Da werden Sie  –  so wie von der Ruhrtriennale für die Podiumsdiskussion gleich hier im Anschluss  –  nach Ihrem Namen gefragt, Vornamen, welche Straße wohnen Sie, welche Hausnummer, wie heißt die Stadt, die PLZ, studieren Sie, aber wie alt sind Sie denn, haben Sie eine Mailadresse, falls es einmal Rückfragen gibt, haben Sie eine Telefonnummer, wie stehen Sie zu Israel, haben Sie unsere Clubkarte …

Ist das unvorstellbar? Dass die Israel-Frage  –  es ist die neue Judenfrage  –  am Eingang zur Kultur aufgestellt und abgefragt wird? Nun, der SPIEGEL, das Nachrichten-Magazin, hat jetzt berichtet, er habe Frau Carp interviewen wollen, Zitat: „Bevor Stefanie Carp sich zum Interview bereit erklärt, fragt sie, wie der Reporter zum Israel-Palästina-Konflikt stehe.“

Das eben ist BDS: Einlasskontrolle. Die gilt in der Regel für alle, wenn Frau Carp das schon den SPIEGEL fragt, was fragt sie dann die Künstler? Und warum sollen die Leute, die Tickets für diese Künstler kaufen, nicht auch gefragt werden? Und warum nicht einen Rabatt auf BDS? Und spätestens da wären wir angekommen an dem Punkt, der eben noch unvorstellbar schien: Antisemitismus wäre zu einem Posten geworden auf dem Ticket, das wir kaufen.

Eben so  –  als “Ticketdenken“  –  haben Horkheimer und Adorno den modernen Antisemitismus bezeichnet: ein Zusatzangebot. Antisemitismus ist etwas, das man mitnimmt, mitkauft und in Kauf nimmt, wenn man ins Konzert geht oder zur Ruhrtriennale Und da sitzen nicht die Rabauken, keine Kollegahs, eher Choreographen. Keine Farid Bangs, sondern Leute, die „Komplexitäten aushalten und sichtbar machen“. Frau Carp hat sie schon mal en bloc freigesprochen: „Keine Künstlerin und kein Künstler des diesjährigen Programmes der Ruhrtriennale ist antisemitisch oder rassistisch.“

Auch das ging schnell. Eben hieß es noch, der Antisemitismus komme aus der Mitte der Gesellschaft, jetzt ist dieses Mantra vom Tisch, an ihm sitzt jetzt der BDS. BDS als neue Mitte: „Es gibt keine Antisemiten mehr“, so Horkheimer/Adorno: „Sie waren zuletzt Liberale, die ihre antiliberale Meinung sagen wollten.“  Anm.: Die FDP-NRW ist ausdrücklich nicht mit gemeint, wirkliche Liberale wissen, dass es nicht reicht, gegen Antisemitismus zu reden, man muss etwas dagegen tun.

(II) MUSTERBETRIEBSKULISSE

Aber muss man immer das Schlimmste annehmen? Leben wir nicht in einer stabilen Demokratie?

Nun, im Moment leben wir hier: da die Turbinenhalle, dort die Jahrhunderthalle, sie sind Teil des Bochumer Vereins gewesen, das alles hier, das ganze Areal, war eines der größten Stahlwerke in Deutschland. Hier wurden  –  nicht nur, aber eben auch  –  Kriege produziert, Weltkriege, und das bedeutet, hier wurden Voraussetzungen geschaffen dafür, dass Auschwitz möglich wurde: Der Bochumer Verein war ein „nationalsozialistischer Musterbetrieb“. Tausende haben hier gearbeitet, auch Tausende „Zwangsarbeiter“ aus ganz Europa, die um ihr Leben schuften mussten, Tausende von ihnen haben es verloren (siehe dazu “Laute Stille” von Marcus Kiel).

Das hier um uns herum ist mehr als eine „imposante Kulisse“, wie es im Kultursprech heißt, es ist eine Kulisse, die kommentiert. Die uns in eine Geschichte stellt. Bevor man in diesen Räumen inszeniert, haben sie einen selber inszeniert, und diese Szene ist eine andere, man schaut sich um: Wo bin ich hier, und was ist heute für ein Tag?

(III) HAMAS & KULTUR

Nun, heute ist der Tag, an dem ein Aufruf erschienen ist, der „Aufruf der Kulturschaffenden“. Das ist 84 Jahre her, es war der 18. August 1934. Den „Aufruf“ lese ich nicht, hören Sie einfach mal auf den Sound, es geht um „Bekenntnis“ und um „Zukunftswillen“, es geht darum, „Bürge des Friedens“ zu sein und um „Hingabe“, es geht um „Hoffnung“ und „Gottes Vorsehung“ und darum, dass „der Dichter und Künstler von der gleichen und tiefsten Überzeugung kündet, dass das heiligste Recht … “ usw.

Geschrieben hat dies Joseph Goebbels, unterschrieben haben es  –  und da zuckt man doch zusammen  –  Ernst Barlach. Wilhelm Furtwängler. Mies van der Rohe. Emil Nolde und andere ästhetisch hoch gebildete, künstlerisch gereifte, international gefeierte Köpfe.

Das also war heute. Und dann ist heute noch ein Tag, der 18. August 1988, heute vor 30 Jahren wurde eine Charta veröffentlicht  –  die Charta der Hamas. Heute vor 30 Jahren wurde das Programm veröffentlicht, das  –  genau wie das der Nazis  –  kein anderes Ziel verfolgt als alle Juden zu ermorden.

Der Sound dieser Charta ist derselbe wie bei den “Kulturschaffenden”, auch hier geht es um „großes Unglück“ und „tiefstes Leiden“, geht es um Gott und sehr viel Gott, um „Befreiung“, um „Erlösung“ und um Kunst. „Kunst im Befreiungskampf“, alle stehen sie stramm: „Bücher, Artikel, Predigten, Dichtung, Dramen und anderes mehr“, eine Charta der Künste. Sie sei, heißt es, „zur geistigen Mobilisierung unbedingt notwendig“.

Und dann geht es noch um die Juden und dass man sie alle umbringen muss. Charta der Hamas, Artikel 7, heute seit 30 Jahren in Kraft.

(IV) TERROR & BDS

Da sind wir also. Hier die Nazis, die sich eine Bewegung nannten. Dort die Hamas, die sich eine Bewegung nennt. Neben uns der BDS, der sich ebenfalls eine Bewegung nennt. Die Wege zwischen den Bewegungen sind kurz, BDS wird von Hamas unterstützt, ganz offen und ganz öffentlich. Dieser Hamas-Tweet etwa ist aus dem letzten Sommer: „Wir begrüßen und unterstützen die einflussreiche BDS-Bewegung.“

Und die Wege werden noch kürzer: BDS ist kein lockeres Netzwerk, wie Frau Carp uns glauben machen will, BDS wird koordiniert, es gibt ein „Koordinierungskomitee“. In diesem Komitee steht ganz obenan ein Rat – „Council of National and Islamic Forces in Palestine“ – und in diesem Rat wiederum sitzen: die Hamas. Der islamische Dschihad. Die Volksfront zur Befreiung Palästinas, PFLP.

Drei Terrororganisationen der allerübelsten Sorte. Erinnern Sie sich an die Entführung der „Landshut“? Das war 1977, der Pilot ermordet, am Ende der Einsatz der GSG 9? Erinnern Sie sich an die Entführung der Air-France-Maschine ein Jahr zuvor? An das israelische Kommando, das die Geiseln befreit hat in Entebbe? Das, diese Entführungen (und vieles andere mehr), das war die PFLP. Sie koordiniert den BDS.

Vor einigen Monaten hat diese Terror-Bande ihr Jubiläum gefeiert, das macht man auch in solchen Kreisen und lädt seine besten Kumpels dazu ein. Wundert es Sie, wenn ich sage, dass BDS-Deutschland eingeladen war? Und dass BDS-Deutschland teilgenommen hat an dieser Jubelfeier für Judenmörder?

Es kommt noch schlimmer, liebe Freunde auf dieser Seite der Straße, die Wege werden noch viel kürzer: Dort drüben, die andere Kundgebung  –  die sich für Frau Carp ins Zeug legt  –  diese Leute dort drüben sind enge und engste Freunde der PFLP. Die Terror-Organisation zählt zur Träger-Organisation dieses Bündnisses dort drüben. Sie nennen sich  –  nein, nicht PFLP  –  sie nennen sich „Sympathisanten der PFLP“, sie tun dies offen und öffentlich. Wir stehen hier und denken, das sei die Ruhrtriennale, und dann stehen neben uns die Sympathisanten eines mörderischen, durch und durch antisemitischen Terrors und demonstrieren für was? Für BDS.

Und für Frau Carp, sie stärken  –  ich zitiere diese Leute  –  sie „stärken Frau Carp den Rücken“. Ganz neue Freunde, die die Ruhrtriennale hat, es sind die Geister, die Frau Carp rief.

(V) SELEKTION

Was diese Geister  –  Nazis, Hamas, PFLP, BDS  –  miteinander verbindet, was ihren inneren Geist ausmacht, will ich zum Abschluss kurz erklären.

Zuerst die Nazis: Sie haben, wo immer sie waren, selektiert: „Juden raus“, das war das Prinzip. In Auschwitz wurde dann auf der Rampe selektiert, da stand einer wie Mengele  –  gebildet, gut aussehend, weltgewandt, ein Liebhaber der klassischen Musik  –  stand da und hat entschieden: Gaskammer sofort oder etwas später.

Dann die PFLP: Entebbe 1976, Sie erinnern sich an die entführte Air-France-Maschine, 270 Geiseln, und dann haben die Terroristen selektiert: Alle kamen frei, nur die israelischen Staatsbürger nicht sowie diejenigen, deren Namen irgendwie jüdisch klangen, sie blieben Geiseln und dazu bestimmt, nach Lust und Laune erschossen zu werden. Die PFLP hat selektiert wie Mengele.

Und heute: selektiert BDS die Kultur. BDS betrachtet die Kulturlandschaft wie Mengele die Rampe: Israelis? Raus. Juden? Raus. Vielleicht bleiben einige auf Bewährung drin, sind aber schon mal vorgemerkt. BDS mustert die Kulturprogramme wie PFLP die Geiseln und sucht nach keinem gelben, man sucht nach einem Davidstern, nach einem Auftritt in Tel Aviv, nach jüdisch klingenden Namen oder einem Sponsor wie Sodastream, und dann wird selektiert. Oder soll ich mit Frau Carp sagen, es werde „differenziert“? BDS, das sind die Mengeles von nebenan.

(VI) AN DIE POLITIK

Jetzt sind sie drin, die Mengeles von nebenan. Gebildet, gut aussehend, weltgewandt, sie mögen klassische Musik. Keine Antisemiten, das hatten wir ja schon gesagt, es gibt ja keine mehr, nirgends. Nur gibt es deshalb Brandstifter, die keine Brände stiften? Die Ruhrtriennale sieht schon etwas abgebrannt aus. Dieses stolze Festival, groß und großartig, über so viele Jahre von so vielen Menschen aufgebaut, es ist von BDS gekapert, das Haus demoliert, die Bewohner zerstritten, noch steht das Ganze, es schwankt. Nach 10 Wochen BDS. Nochmal 10 Wochen, und es steht nichts mehr. Das passiert, wenn man die Tür einmal geöffnet hat. Was muss passieren, dass wir BDS wieder rauswerfen? Und die Tür zuwerfen ein für alle Mal?

Die Antwort tut nicht weh, die Ruhr-Universität hat es vorgemacht. Die Stadt Frankfurt hat es vorgemacht, München, Berlin  –  jetzt ist Bochum dran, Dortmund, Essen, das ganze Ruhrtriennale-Revier: Es ist die Aufgabe der Städte  –   die Aufgabe auch des Bochumer Rates  –  dafür zu sorgen, dass wir unsere Unabhängigkeit zurück gewinnen, wir alle, die staatlichen und die privaten und kirchlichen Veranstalter. Bitte bereitet entsprechende Beschlüsse vor, fasst sie bald, fasst sie fraktionsübergreifend:

Gebt Antisemitismus keinen Raum, kündigt BDS die Verträge und macht die Tür nie wieder auf, wenn BDS klingelt!

Wenn dieses Signal heute von hier ausginge, wenn dieses Signal an die Räte in unseren Städten ginge, es wäre stark. Es wäre der Ruhrtriennale würdig, sie hätte ihren Sinn zurückgewonnen, ihre Souveränität und ihre Schönheit.

Ich danke Ihnen, carpe diem.


WAS IST BDS?

FELIX KLEIN | Beauftragter der Bundesregierung für den Kampf gegen Antisemitismus

“Israel-Boykotteure unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit”  |  Welt

“BDS ist im Kern antisemitisch”  |  Jüdische Allgemeine

PROF. SAMUEL SALZBORN | Antisemitismusforscher TU Berlin

“BDS macht das Leben für Jüdinnen und Juden in Deutschland gefährlicher”  |  Ruhrbarone

“Es ist eine antisemitische Kampagne”  |  Fluter


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