Wellness-Hass

BDS und der ästhetische Alltag

Ruhrtriennale: Toiletten vor der Jahrhunderthalle

Wir haben uns hier ja sehr betont gegen BDS gestellt, diese mit Terror verbandelte Kampagne gegen Israel, die versucht, altem Antisemitismus neue credibility zu verleihen. Heißt: Bevor wir einen Vertrag unterschreiben, schauen wir nach, ob jemand mitsegelt bei BDS. Das zu checken dauert 3 Minuten, BDS ist publicitygeil.

Falls sich dann jemand  –  wie Lisa Gerrard  –  tatsächlich einen BDS-Sticker an die Brust geheftet hat, kostet es einen Mailwechsel, die Sache klar zu kriegen: Wir weisen dann freundlich darauf hin, dass wir die Anti-BDS-Kirche sind und gerne auch Sponsoren aus Israel gewinnen. Wer danach hier spielt, will hier spielen, der Abend wird zum Widerruf.

Kann sein, dass wir  –  das ist der Nachteil  –  manche Acts deshalb gar nicht erst angeboten bekommen. Weil es sein könnte, dass dann BDS die eigenen Leute vors eigene Tribunal zerrt. Der Vorteil: Wir halten die Karten in der Hand.

Lisa Gerrad im Kreis der The Mystery of the Bulgarian Voices 2018 in der Anti-BDS-Kirche | Sabine Hahnefeld (c)

Wer dagegen als Veranstalter eher nonchalant mit BDS hantiert, hat das Problem, dass er sich selber in die Hände des BDS hinein spielt. Diese Kampagne ist jederzeit bereit, ihre Karten  –  Promo ist, was sie können  –  auf den Tisch zu legen, die BDS-Logik geht so: Wenn die Ruhrtriennale wen einlädt  –  dies das Beispiel aus gegebenem Anlass  –   so einer kann doch kein Antisemit sein.

Eben so argumentieren jetzt alle, die Achille Mbembe  –  kürzlich wurde er von Ruhrtriennale-Intendantin Carp zum Vordenker ihres Festivals erkoren  –   die diesen Mann, der notorisch gegen Israel vom Leder zieht*, zu verteidigen suchen: nicht, indem sie eingehen auf das, was er gesagt, geschrieben und getan hat. Sondern immer nur darauf, wo alles er gesprochen habe, wer alles ihn eingeladen und was für Preise er nicht alles bekommen habe. **

Offenkundig, dass es, sobald es um BDS geht, um cultural credibility geht: Antisemitismus soll wieder zum Wohlfühlfaktor werden, man möchte mit gutem Gewissen hassen.

Wir bereiten ein schlechtes, das zumindest.

PS | Was Frau Carp angeht, es kostet 3 Minuten und 3 Klicks, um herauszufinden, dass Mbembe ein Wissenschaftler ist, der zum Boykott von Wissenschaft aufruft, sobald sie aus Israel kommt. Und weitere 30, sich durch sein “The Society of Enmity” durchzuquälen, wo sich judenhasserfüllte Denkfiguren, alte wie neue, ein Stelldichein geben. Wer sich auf diesen Wohlfühl-Antisemitismus einlässt, wie es Frau Carp auch im dritten ihrer 3 Jahre tut, will dies offenbar tun. Schon beim zweiten Mal, sagte jetzt Bochums OB Thomas Eiskirch, „fällt es schwer, an Zufall zu glauben.“

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